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Sonntag, 25. Mai 2025
6 Uhr. Ich habe ausgeschlafen. Nach zehn, elf Stunden Schlaf, bin ich fit. Und wundere mich, dass Philipp immer noch schlafen kann, der ist schließlich schon vor mir eingeschlafen gestern Abend. Aber ich daddel erstmal am Handy und lasse ihn in Ruhe. Irgendwann gehe ich duschen und bringe in Erfahrung, dass er die Nacht kaum schlafen konnte und fix und fertig ist. Na gut, dann lese ich eben ein bisschen, soll er mal noch schlummern.
8 Uhr. Es kommt Bewegung rein. So langsam ist Phil auch startklar, nicht unbedingt fit – aber startklar. Und da ich schon lange Magenknurren habe, verzichten wir darauf, erst nach dem Aufstieg zur Wartburg, wo wir heute hin wollen, im Burg Café zu frühstücken, zumal das auch erst um zehn öffnet. Uns wurde an der Rezeption ein Café am Karlsplatz empfohlen und das suchen wir jetzt auf. Vor allem weil kaum etwas anderes so früh geöffnet hat bzw. vieles in Eisenach, wo man frühstücken könnte, sonntags auch überhaupt nicht öffnet…
Das Café entpuppt sich als Bäckerei und das Frühstück als absolute Nullnummer. Die Verkäuferin ist eine Frechheit, die Brötchen auch, ansonsten erfüllt es seinen Zweck. Also schön und preiswert geht anders. Abhaken!
Aufstieg zur Wartburg
9 Uhr. Wir verlassen das Café und schlendern kreuz und quer durch die Stadt, um dann über Umwege zum Wartburg-Aufstieg zu gelangen. Es führen unterschiedliche Wege hinauf und es geht auch vor allem eins: bergauf! Ich komme also ganz schön ins Schwitzen und bin wieder mal langsam wie eine Schnecke…
Ursprünglich hatten wir den Weg „Schlossberg“ hochgehen wollen, doch wir hatten uns von Gesperrt-Schildern ablenken lassen. Unsere Bekanntschaft gestern Abend hatte uns zwar nachdrücklich gesagt, man käme dort trotzdem hoch, aber dann haben wir uns doch verunsichern lassen und von dort die Alternativroute, über den Hainweg, die Burgstraße und den Geheimrat-Helferich-Weg, gewählt.
Die knapp drei Kilometer (bergauf!) schaffen wir, trotz meines Tempos, in 45 Minuten, was eigentlich ein normaler Schnitt ist. Dennoch… Auf den allerletzten Metern überholt mich sogar ein fluchender Amerikaner mit Kinderkarre. Ich bin langsamer als einfach jeder! Aber hey, ich komme trotzdem ans Ziel.
Die Wartburg erleben
Die Wartburg wurde um 1067 erbaut und ist seit 1999 UNESCO-Weltkulturerbe. Man bringt sie sofort mit Martin Luther in Verbindung, der 1521/22 dort Zuflucht suchte und das Neue Testament ins Deutsche übersetzte. Sein Arbeitszimmer, die Lutherstube, ist eines der Highlights auf der Wartburg!
Aber auch die Heilige Elisabeth von Ungarn bzw. Thüringen ist ein großer Name! Sie hatte drei Kinder mit Ludwig IV, und engagierte sich schon während ihrer Ehe stark für Arme und Kranke, pflegte sie persönlich und ließ Spitäler bauen. Heutzutage gibt es kaum eine Stadt ohne Krankenhaus oder sozialer Einrichtung mit „Elisabeth“ im Namen.
Unsere Wartburg-Führung beginnt um 10.20 Uhr und dauert rund eine Stunde. Sie ist super kurzweilig aber mit insgesamt 40 Teilnehmern ein bisschen zu groß, vor allem weil die Führerin etwas ungeduldig ist und im jeweils nächsten Raum nicht unbedingt darauf wartet, bis alle Schäfchen da sind. Wer also zu den letzten gehört, die die nächste Treppe hochkommen, vergisst den Anfang von ihren Erzählungen im neuen Raum, in dem man sich befindet. Das finde ich unheimlich schade, denn sie trägt toll vor, man kann ihr gut zuhören, vor allem weil ich, bis auf ein einziges Foto in der Kapelle, komplett aufs Fotografieren verzichte, weil ich dann besser zuhören und alles auf mich wirken lassen kann.
Unterm Strich kann ich die Führung absolut empfehlen, jedoch das Burg Café anschließend weniger. Gut, dass wir hier nicht gefrühstückt haben. Die Auswahl ist arg begrenzt und so nehme ich nur einen Cappuccino. Philipp ordert Eis und Kaffee. Wir landen bei 17-Euro-noch-was (!) – und ich frage mich langsam wo das noch hinführen soll!
Na gut, wir wollen langsam Richtung Stadt. Es ist 13.30 Uhr und wir haben hier oben eine schöne Zeit gehabt, aber nun auch alles gesehen.
Wir nehmen noch einen schönen Aussichtspunkt auf die Wartburg mit und steigen dann, auf einem anderen Weg, wieder hinab. Der Weg kommt mir zunächst schöner vor, aber wahrscheinlich liegt das daran, dass es bergab geht… Dieser Waldweg trifft dann bald auf die gut befahrene Wartburgallee, das ist dann eine Hauptstraße und immer der Nase nach.
Bach-Haus-Besuch
Unten in der Stadt ist es nun nicht weit bis zum Bach-Haus – das Museum soll auch interessant sein für alle, die sonst wenig mit klassischer Musik am Hut haben. Und ich finde das eine gute Möglichkeit für das etwas isselige Wetter heute. Der Regen, der uns heute relativ stur begleitet hat, hat zwar inzwischen aufgehört, aber es könnte immer wieder anfangen. Was sollen wir da ziellos durch die Stadt latschen?
Das Bach Museum widmet sich also, wenig überraschend, dem Leben und Werk von Johann Sebastian Bach. Es befindet sich in einem historischen Gebäude am Frauenplan, hier wurde Bach 1685 geboren und er verbrachte seine Kindheit in Eisenach.
Uns gefällt es hier richtig gut! 14 Euro Eintritt pro Person sind war nicht wenig, aber kann man mal machen. Wir fangen aber in der Museums-Caféteria an, denn wir haben eigentlich Hunger. Leider gibt es hier nichts Herzhaftes. Nach einem Kaffee und etwas Süßem bringen wir die Rucksäcke zu den Schließfächern und beginnen, den Dreck von unseren Wartburg-Wanderschuhen im Museum zu verteilen…
Man hat hier Handschriften, historische Dokumente und persönliche Gegenstände des Musikers ausgestellt und es gibt viele interaktive Stationen, wo man über Kopfhörer Stücke von Bach hören kann, oder etwas auf der Tonspur über sein Leben erfährt.
Unsere Highlights sind sicherlich die „Musikkugeln“ und die Live-Musik. Die Musikkugeln heißen bestimmt ganz anders, aber so nenne ich sie für mich. Mehrere große Kugeln hängen von der Decke herab und man kann sich hineinsetzen und einen Kopfhörer aufsetzen. In jeder der Kugeln läuft andere Musik von Bach – mal flott mal beruhigend.
Zu bestimmten Uhrzeiten gibt es kleine Konzerte auf historischen Instrumenten, das meinte ich mit Live-Musik. Die Vorstellung dauert 20-30 Minuten, je nachdem wie viele Fragen von den Besuchern ggf. gestellt werden. Ein Museumsmitarbeiter stellt barocke Tasteninstrumente vor, erst mit ein paar erklärenden Worten und dann spielt er sie. Das ist eine tolle Idee, und eine unwahrscheinliche Aufwertung des Museums(besuchs).
Das Museum ist nämlich wirklich nicht groß aber trotzdem hat es uns sehr gut gefallen – insbesondere aufgrund der Ergänzung mit der Live-Musik. Die solltest du also nicht verpassen, falls du das Museum besuchst.
Es ist jetzt 15.15 Uhr und wir wollen uns gerne ein bisschen ausruhen und frisch machen bis wir um 18 Uhr eine Reservierung in den Lutherstuben [!KEINE WERBUNG!] haben.
Heißer Tipp – Mittelalter-Charme trifft Großraumsauna
Und die Lutherstuben [!KEINE WERBUNG!] sind ein Kapitel für sich. Nennt sich „Erlebnisrestaurant“ und das kann man wohl auch so sagen! Das Erlebnis beginnt damit, dass wir direkt am Eingang gebeten werden, unsere Jacken an der Garderobe aufzuhängen. Für meinen Geschmack ein bisschen zu viel Befehlston von der jungen Blonden im bauchfreien Mittelalter-Kleid, dazu ein osteuropäischer Akzent, man könnte meinen, ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, dass sie hauptberuflich noch was ganz anderes macht…
Aber wir tun natürlich, wie uns geheißen und wollen dann endlich in die gute Stube eingelassen werden. Reagieren tut Madame auf uns erst als wir sie direkt ansprechen mit unserem Anliegen, obwohl sie tatenlos vor uns steht und wir unser Anliegen schon vor der Jacken-Abgabe, also vor knapp 60 Sekunden, genannt hatten: Nämlich die Uhrzeit und unseren Namen der Reservierung.
Und wieder fordert sie mich auf, nun bitte auch meine Strickjacke abzugeben, es sei sehr warm im Restaurant, es seien viele Kerzen an und man könne definitiv nirgendwo etwas ablegen. Meint eher: Man darf nicht. Nein, danke! Ich lasse meine Strickjacke an. Wie warm kann es schon sein?
Die nächste Überraschung folgt auf dem Fuße: Wir sitzen an einem Achtertisch, wo schon ein Ehepaar platziert wurde am anderen Ende der Tafel. Macht nichts, damit haben wir kein Problem, wir hatten nur nicht damit gerechnet.
Wie gut, dass ich die Speisekarte schon im Hotel online studiert hatte, ich wäre jetzt sonst völlig überfordert, denn die Gerichte heißen hier zum Beispiel Techtelmechtel, Thüringer Hochzeit oder Paternoster. Und sie sind in alter Gotischer Schrift geschrieben, etwas mühsam für das ungeübte Auge.
Die Übersetzungen, was sich hinter dem Gericht verbirgt sind zwar in etwas lese-freundlicherer Schrift gedruckt aber in stets geschwollener Sprache formuliert, das muss man schon mögen… Was mir bald klar wird: Man redet hier auch so! Und das geht mir sehr schnell gewaltig auf den Sender.
Noch dazu muss ich feststellen, es war keine Lüge, dass es hier bullig warm drin ist! Ich ziehe meine Strickjacke bald aus und lege sie, ganz verbotenerweise, auf einen der freien Stühle neben mich, wir sind ja nur zu viert an dem riesigen Tisch…
Auch an den Nachbartischen lässt sich beobachten, dass hier und da mit der Hitze gekämpft wird. Binnen kürzester Zeit wird überall stets mit den Speisekartenrollen gewedelt und ich frage mich, wie manche hier Alkohol trinken können, das macht man in der Sauna schließlich auch nicht. Oder?
Du denkst ich übertreibe? Nun – ich hätte mir das Duschen sparen können im Hotel. Ich schwitze reichlich vor mich hin, und dazu braucht es schon was! Ich frage mich, wann Philipp anfängt zu zerfließen, eigentlich ist das eher sein Part…
Ich bereue zutiefst, ein Bärlauchsüppchen als Vorspeise gewählt zu haben, das schmeckt zwar gigantisch gut, aber ich hatte es geordert, als ich noch nicht wusste, dass ich hier im Schwitzkasten sitze. Jeder finnische Saunameister würde neidisch werden. Ich fluche vor mich hin und fühle mich maximal unwohl. Hätte man bei der Reservierung nicht irgendwie vorgewarnt werden können?
Als die Hauptgerichte kommen, der nächste Schock: Philipp´s Gericht von der Spargelkarte mit nicht gerade überdimensioniertem Schnitzel und ganzen zwei halben Kartoffeln, kommt mit gerade mal exakt drei Spargelstangen daher, und das für 29,50 Taler! (Natürlich wird hier obendrein in „Talern“ berechnet!) Dafür hat man einfach keine Worte!
Mein Kartoffelgratin mit Beilagengemüse und Salat ist hingegen völlig in Ordnung, aber genießen kann ich es nicht. Ich will mittlerweile nur noch, dass es vorbei ist und wir rausgehen können. Wenn ich Philipp so anschaue, dem es nun ebenfalls in Strömen runterfließt, frage mich kopfschüttelnd wie wir in eine solche Situation geraten konnten.
Direkt am Nebentisch schwitzt eine vierköpfige Frauengruppe ordentlich. Ich tippe sie noch dazu auf ein Alter ungefähr in den Wechseljahren, das heißt mindestens eine von ihnen könnte bald kollabieren. Wohingegen an einem anderen Tisch offenbar Fortgeschrittene sitzen, die sind nicht zum ersten Mal hier, sie sind äußert sommerlich gekleidet.
Kurz vor der Dehydrierung kann ich endlich unsere 70 (!!!) Taler begleichen und sie machen tatsächlich mal ein Fenster auf als wir gehen. Die beiden Jacken, die ich auf dem Fußweg zum Restaurant gebraucht habe, trage ich auf dem Rückweg über dem Arm und sehne mich nach einem Eiscafé. Leider will sich keines auftun… Stattdessen verschnaufen wir noch kurz vorm Hoteleingang bis wir uns einigermaßen runtergekühlt haben.
So was habe ich noch nicht erlebt! Ich kenne etliche Leute, die definitiv abgebrochen hätten, um ein Haar wäre ich selbst einfach gegangen, weil es nämlich buchstäblich unerträglich war, dort zu sitzen. Das war einfach too much! Dabei könnte es so nett sein. Von mir aus eine mittelalterliche Karte und auch gern der ganze Deko-Schnick-Schnack, getöpferte Becher statt Gläser zum Trinken, meinetwegen auch noch die Kutten der Kellner! Aber die 1000 Grad Bruthitze und das altertümliche Gefasel, da kriegt man einen am Sender!
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