Zurück zu Tag 4: Funchal
Samstag, 16. November 2024
Nächtliche Strapazen
Rund um Mitternacht hatte ich eine Stunde wach gelegen und geatmet. Weil ich so schlimme Magenschmerzen hatte, dass ich es kaum ausgehalten habe. Das hatte ich zuletzt in Chicago, da kam es auch aus dem Nichts und verschwand irgendwann von selbst. Darauf hoffte ich auch in der vergangenen Nacht und schaffte es auch irgendwann, wieder einzuschlafen. Jedoch nicht, ohne vorher den Wecker für heute auszuschalten! Wir hatten uns eh noch nicht so richtig auf ein Ausflugsziel oder eine Aktivität geeinigt.
Faul am Morgen
Gegen halb acht versucht Phil mich zu wecken aber ich brauche eine Ewigkeit um aufzustehen. Ich traue meinem Magen noch nicht und belasse es bei Tee und Butterbrot, nachdem ich unten im Mini Mercado schon mal ganz optimistisch Gemüse für heute Abend besorgt habe. Und so ganz grundsätzlich… brauchen wir heute früh irgendwie beide ziemlich um in die Gänge zu kommen.
Miradouro do Bom Jesus
10.30 Uhr. Keine fünf Minuten Fahrt entfernt erreichen wir einen Miradouro, den ich noch auf meiner Must See Liste habe und der von der Fahrtrichtung her heute ganz gut zu dem Startpunkt unserer Wanderung passt. Von hier aus hat man den perfekten Ausblick auf Meer, Küste und Ponta Delgada, unseren Urlaubsstandort.
Die Straße wurde hier am Miradouro gesperrt, sodass es eigentlich eine Sackgasse ist. Demzufolge sind wir hier wirklich die einzigen!! Der übervolle Mülleimer sagt mir aber, dass hier doch auch ab und zu mal Betrieb ist. Es ist wirklich der perfekte Ort für ein Picknick, aber wenn der Mülleimer nicht oft genug geleert wird, wäre es schön wenn die Leute ihren Müll, der nicht mehr wirklich dort hinein passt, wieder mitnehmen würden… Trotzdem kann ich diesen Miradouro wärmstens empfehlen! Nicht abschrecken lassen von der relativ schmalen und löchrigen Straße!
Caminho do Entrosa – Hinweg
Wie so oft auf Madeira, ist auch der Wanderweg, den wir uns für heute ausgesucht haben, kein Rundweg sondern man muss auf derselben Strecke wieder zurück laufen. Ursprünglich hatten wir diese Tour vorgestern machen wollen und zwar mit Start und Ziel am anderen Ende des Weges. Es scheiterte den Tag an der mangelnden Parkwilligkeit meines lieben Gatten, was sich aber noch als Segen herausstellen wird, denn ich finde es so wie wir es heute machen viel, viel besser!
Wir parken also am Miradouro und Restaurante Sao Cristovao [!keine Werbung!], wo es sehr viel mehr Parkmöglichkeiten gibt als am anderen Ende des Wanderwegs. Jedenfalls wenn man vor der Mittagszeit eintrifft. Das Restaurant ist auch direkt unser erster Stopp, wir wollen noch etwas trinken bevor wir uns auf den Weg machen. Ich bleibe bei Tee, ich will meinen Magen lieber noch nicht mit Kaffee belasten…
Der Wanderweg ist hier erstaunlicherweise nicht ausgeschildert sondern nur zu erahnen. Der freundliche Parkplatzeinweiser bestätigt unsere Ahnung, wo wir lang müssen und warnt uns, dass er heute schon von Wanderern gehört habe, dass es sehr rutschig sei. Ob wir es lieber lassen sollten, frage ich. Nein, nein, wir können gehen aber wir sollten aufpassen. Inwiefern diese Meinung nun einen Wert hat, weiß ich nicht, denn er sieht nicht so aus, als würde er auch nur gelegentlich wandern: Er raucht eine nach der anderen…
11.25 Uhr. Nach einer kleinen, harmlosen Anhöhe beginnt ein langer, steiler Abstieg, der relativ nass und damit potentiell rutschig wirkt. Ich fluche jetzt schon, denn dadurch komme ich nur superlangsam voran. Ganz anders mein Mann, der ohne Wanderstöcke voranprescht, was ich sehr waghalsig finde. Ich hatte ihm vorher gesagt, dass für diese Tour Stöcke empfohlen werden aber was das betrifft, weiß er immer alles besser. Ich jedenfalls wäre hier ohne Wanderstöcke niemals runter gegangen und, ich kann das vorweg nehmen, ich kann die gesamte Tour nur mit Wanderstöcken empfehlen!
Denn es wird nicht besser. Nachdem der Abstieg (der bei Trockenheit sicherlich kein Hindernis ist) zum Fluss geschafft und die dortige Brücke überquert ist, geht es eigentlich erst richtig los: Von hier bis zum anderen Ende des Wanderwegs geht es nämlich nur noch bergauf Manchmal mit Stufen in vernünftigen Abständen, manchmal mit Stufen in unsinnigen Abständen, aber immer mit Stufen, fast nirgends geht es einfach so bergauf. Anders kann man diese wahnsinnigen Serpentinen aber auch nicht überwinden.
Manche Stellen des Weges sind wirklich knifflig aber diese Meinung verwerfe ich später an den Stellen, die dann wirklich gefährlich werden. Da sind die Treppen teilweise so schmal, dass ich mich an der Felswand entlang hangele, denn die seltenen, dürftigen Absperrungen sind ein Witz weil offensichtlich uralt, sie würden absolut gar nichts nützen.
Auf einem Wanderblog werde ich später lesen: „Der sogenannte Königsweg führt hoch über den wilden Atlantikwellen durch die Wand eines steilen Küstenberges.“. Auf diese Formulierung wäre ich gar nicht gekommen… „durch die Wand eines steilen Küstenberges“… Hmm, irgendwie wahr. Oder sagen wir lieber „an der Wand eines steilen Küstenberges entlang“. Unterschreibe ich.
Was ich nicht unterschreibe ist, was eine andere Wander-Reise-Bloggerin schrieb: „Technisch einfach.“… Nun ja, es versteht sich jedenfalls von selbst, dass wir auf dieser Tour verhältnismäßig wenig fotografieren! Und auch nahezu nicht miteinander kommunizieren. Denn dafür habe, ich zumindest, gar keine Puste. Und außerdem ist mein Mann schon immer mindestens um die nächsten ein, zwei Kurven rum, sodass ich ihn nicht mal mehr sehen kann. Ob das als Anreiz gedacht ist, dass ich eine Motivation habe, nachzusehen ob er noch da ist oder schon abgestürzt??
An den Stellen, wo die Stufen oder der Weg so bröselig und voller Geröll ist, fluche ich und kündige Philipp ein Taxi für den Rückweg an, denn bergab möchte ich diese Strecke auf keinen Fall gehen! Genug Bargeld habe ich jedenfalls dabei, es ist mir egal was es kostet, mich auf die andere Seite der Schneise im Fels fahren zu lassen.
Vor lauter Meckerei komme ich jedoch gar nicht dazu, an dieser Stelle die Schönheiten dieser Wanderung zu erwähnen. Dass die Tour anstrengend und nicht ganz ungefährlich ist, heißt nicht, dass wir dabei keine tollen Aussichten genießen würden! Im Gegenteil, es ist großartig, besonders am Anfang, zu sehen, wie schnell man enorm an Höhe gewinnt und mit Stolz geschwellter Brust rüber zum Restaurant zeigen kann: „Guck mal! Da kommen wir her!“.
Zum Durchblättern: Fotoalbum Caminho do Entrosa
Nach einer guten Stunde ist der Spaß dann aber vorbei und wir kommen am Ostende des Wanderwegs an:
Madeira Legends Rallye
Am Restaurante O Arco [!keine Werbung!] erwartet uns ein ungeahntes Schauspiel. Die Kurve ist abgesperrt von der Polizei, etliche Schaulustige verfolgen die Madeira Legends Rallye. Ich hatte davon zuvor gelesen, aber gewiss nicht auf dem Schirm, dass diese heute stattfindet, obgleich wir gestern schon die Autos in Funchal aufgereiht stehen gesehen hatten!
Der Madeira Sports Club organisiert diese Rallye und es nehmen ausschließlich historische Fahrzeuge teil. Es ist ein drei-tägiges Motosport-Event und wird als „Fest der Nostalgie“ beschrieben. Wir stehen hier am Streckenabschnitt Arco de São Jorge nach Boaventura und haben mit Motorsport eigentlich gar nichts am Hut. Aber letzten Endes sind wir sehr schnell sehr fasziniert von den unterschiedlichsten Autotypen, die vorbei kommen und natürlich von dem Tempo, in dem sie durch die Kurve vor uns rauschen. Es ist tierisch laut aber irgendwie macht es auch Spaß, zuzusehen!
Und da sind wir nicht die Einzigen. Groß und Klein, Alt und Jung haben sich hier versammelt, um bei Cola oder Bier am Straßenrand oder in einem Hauseingang oder auf einem Balkon darauf zu warten, dass jemand vorbei rast, den sie kennen und bejubeln können.
Philipp trinkt noch eine Cola, ich will hier nichts vom Restaurant, denn als wir hier angekommen waren, hatte ich eine Ratte die Außentreppe hoch huschen sehen… Bei seinem Kaltgetränk diskutieren wir das weitere Vorgehen. Ich bin der Meinung, wir könnten warten bis die Autos alle durch sind, ggf. jemanden ansprechen und fragen, wann damit zu rechnen sei, denn zurück werden wir diesen schlecht bzw. gar nicht gewarteten Weg ganz bestimmt nicht in Angriff nehmen! Bergab ist das doch eine einzige Geröllpiste und ich habe heute keinen Fallschirm dabei… Lieber würde ich trampen oder eben ein Taxi bestellen (lassen).
Mein Mann ist jedoch der Ansicht, wir gehen auf jeden Fall den Wanderweg zurück und da gibt es auch keine Diskussion. Das einzige Zugeständnis wäre, dass er alleine geht und mich dann mit dem Auto einsammelt. Selbstverständlich kommt das für mich nicht infrage, ihn so eine Strecke ganz alleine gehen zu lassen, wie fahrlässig wäre das denn von mir?!
Caminho do Entrosa – Rückweg
Das Ende vom Lied: Nach einer Stunde Autos gucken, nehmen wir die Rückwanderung in Angriff, ich habe jedoch nicht vor, bis zu unserem Auto auch nur ein Wort noch mit Philipp zu wechseln. Meines Erachtens richtet man sich bei solchen Wandertouren nach dem schwächsten Glied. Mit dieser Meinung stehe ich leider alleine da. Wenn ich es jedoch recht bedenke, weiß ich auch nicht, wo hier in der Butnik ein Taxi hätte herkommen sollen…
Die Füße und Knie haben auf dem Rückweg ganz schön was auszuhalten wenn es permanent bergab geht. Aber wenigstens kommen uns nun hin und wieder andere Wanderer entgegen, ein Mann kommentiert meine konzentrierte, verbissene Miene mit einem „Das schlimmste ist schon geschafft!“. Ich gehe wieder in meinem Schneckentempo und muss mich an manchen Stellen hinhocken oder hinsetzen, um um eine Kurve zu kommen. Philipp stratzt wieder voraus, mir ist es inzwischen egal.
Noch seltener als auf dem Hinweg, halte ich inne, um die Aussicht zu genießen oder ein Bild zu machen. Eigentlich haben wir heute sagenhaftes Wetter! Angenehme 22 Grad und Sonne pur! Durch die Felswand gehen wir aber trotzdem oft im Schatten, sodass es gut auszuhalten ist. Eigentlich das perfekte Wanderwetter!
Unten am Fluss bzw. an der Brücke angekommen, ist der Abstieg geschafft und es folgt der rutschige Abschnitt vom Beginn unserer Tour, nun eben bergauf. Einen Vorteil hat die Beschaffenheit dieses Wanderwegs ja: Man ist ganz im Hier und Jetzt, konzentriert sich völlig darauf, den Weg zu bewältigen.
Fazit zu dieser Wanderung: Die Tour hat es in sich, ist aber zumindest bei Sonnenschein und wenig Wind, trotz aller Maulerei, ein tolles Erlebnis! Die Aussicht ist atemberaubend, wie auch der Weg selbst (…). Was ich jetzt noch nicht weiß, in ein paar Tagen werde ich diesen Weg gar nicht mehr als „so schlecht in Schuss“ und herausfordernd betrachten weil ich dann noch eine ganz andere Strecke kennen lerne!
>>> Für totale Wanderneulinge meines Erachtens nicht (!) geeignet. Für Kinder schon gar nicht, auch wenn das manchmal so geschrieben steht. <<<
>>> Wanderstöcke sind in meinen Augen ein Muss. In denen meines Mannes nicht. <<<
>>> Im Sommer kann Sonnenschutz sinnvoll sein. Je nach Uhrzeit und um welche Kurve man läuft. <<<
>>> Ausreichend Wasser mitnehmen. <<<
Verdiente Kaffeepause
Und dann ist es auch irgendwann geschafft! Am Restaurantparkplatz nimmt uns Mr. Smokey wieder in Empfang, als hätte er die vergangenen drei Stunden dort gestanden und rauchend auf uns gewartet, ohne seinen Platz zu verlassen. Vermutlich hat er das wirklich…
Inzwischen ist es hier am Restaurant richtig trubelig, der Parkplatz voll, die Stühle besetzt, vor allem die mit der besten Aussicht auf das Meer und die Küste. Wir finden trotzdem noch ein solches Plätzchen und unser ketterauchender Freund weist uns darauf hin, dass Self Service herrscht (was wir ja wissen) aber wenn wir nur relaxen wollen, dürfen wir trotzdem hier sitzen.
Nach 45 Minuten bergab Gehüpfe ist mir aber sehr wohl danach, etwas zu verzehren und zwar fühle ich mich jetzt bereit für einen Kaffee, den Philipp mir auch prompt heranschleppt, denn ich möchte heute nirgendwo mehr hingehen, nicht mal bis rein ins Café…
Die Aussicht ist wirklich unbeschreiblich… und es könnte so schön sein… Wären da nicht die Leute links und rechts… Links zwei Insta-Elsen, die die gesamte Zeit über posieren und Bilder schießen, auch noch als wir schon wieder fahren. Rechts von uns drei Süddeutsche, offenbar ein älteres Pärchen, das optisch besser ins All inclusive Resort in der Türkei passen würde, mit einem Begleiter, von dem ich nicht einschätzen kann, wie er zu ihnen gehört. Die Frau jedenfalls sabbelt ununterbrochen, vor allem davon, wie schön es hier ist. Ja, denke ich… Es könnte in der Tat so schön sein, wenn du mal deine Gusche halten würdest!
Aus die Maus
14.45 Uhr. Wir fahren zurück zum Appartement und, oh Wunder, außer duschen, Ofengemüse auf dem Balkon und ein bisschen Serie gucken, spielt sich heute nichts mehr ab.
Es war, trotz aller Risiken und Strapazen, eigentlich ein sehr schöner Tag, auch wenn das stückweise vielleicht nicht so klingt. Das Beste war eigentlich, dass wir die Wanderung so und nicht andersrum gestartet sind. Da wurde die Lunge mal ordentlich durchgepustet! 1A Cardio!
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