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Dienstag, 18. März 2025
„Nur wo du zu Fuß warst, bist du wirklich gewesen“ (Goethe)
Wanderetappe Vila do Conde nach Apulia ca. 19 km
Gehzeit ca. 04h45, Pausenzeit ca. 30min
Eine anstrengende Nacht
Um 1 Uhr ist für mich die Nacht mehr oder minder zu Ende. Seit 20 Uhr haben wir geschlafen aber von nun an, bis um sechs der Wecker klingelt, finde ich nicht mehr in den Tiefschlaf. Unser Zimmer ist einfach eine Geduldsprobe!
Gestern hat mich das Hotel noch begeistert und ja, für eine Nacht ist es auch okay, aber ich störe mich an derart mangelhafter Beleuchtung, dass man quasi blind in seinem Gepäck wühlen und sogar mit Handytaschenlampe lesen muss! Wohingegen des Nachts fleißig hell die Lämpchen an TV und Klimaanlage leuchten und von draußen die Straßenlaterne und der Bankautomat durch jede Gardinenritze hereinstrahlen, dass ich das Gefühl habe, beim Bundesligisten auf dem Spielfeld im Flutlicht zu liegen…
Außerdem habe ich noch weitere Kritikpunkte, da wäre zum Beispiel die Klospülung, da geht nur die größere der beiden Schaltflächen. Beim Duschen braucht man ausschweifend viel Geduld bis das Wasser auf die gewünschte Temperatur wechselt. Außerdem läuft das Wasser sehr schlecht ab, sodass man in einer vollen Wanne steht. Und weil das Fenster schlecht schließt, hört man auch sehr viel von der Straße, eine Art Hauptstraße hier im Ort, schön mit Kopfsteinpflaster, extra laut. Und last but not least riechen die Decken wie… ich weiß nicht nach was und will auch nicht weiter darüber nachdenken!
Start in den Tag
Marianne haben wir immer noch nicht wieder getroffen. Auch nicht beim Frühstück. Aber wir hatten gestern ihr knallpinkes Gepäckstück neben unseren Reisetaschen stehen sehen, also muss sie auch hier sein!
Auch hier haben wir wieder ein ungewohnt vielfältiges Frühstück und der Frühstücksraum ist wirklich wunderschön möbliert. Trotzdem kann das nicht rausreißen, was mir im Zimmer alles nicht gefällt. Schade eigentlich. Aber egal, wir wollen ja eh los! Um 07.50 Uhr haben wir ausgecheckt, einen Stempel an der Rezeption ergattert, und treten vor die Tür. Lieber erstmal die Jacken anziehen, elf frische Grad und noch keine Sonne!
Vom Städtechaos zum Pilgerglück
In Vila do Conde geht der Weg erstmal sehr innerstädtisch anstatt direkt zur Küste, was ich etwas schade finde und gerne auch verworfen hätte aber wir wollen es „genau“ machen und gehen deshalb „parallel“ zur Küste auf dem offiziellen Caminho, dadurch aber eben mitten durch den Ort. Die Pfeile sind hier mitunter sehr gut versteckt, die Straßen eng, die Autos rasend schnell! Rund um eine Schule rauschen an uns unzählige Eltern-Taxis vorbei, es ist offenbar morgendliche Rush Hour gegen acht Uhr…
Eine ganze Weile später grüßt uns der erste Fußgänger, zwar nicht mit „Bom Caminho“ aber einem fröhlichen „Bom Dia“ und zwei hoch gerichteten Daumen! Irgendwie motiviert das ja…
Nach einer Weile frage ich mich, wie riesig Vila do Conde bloß ist, laut Gockel Maps sind wir schon fünf oder sechs Metrostationen weit gelaufen, ach guck an, wir sind auch schon in Povoa de Varzim! Das hat man gar nicht gemerkt.
Hier werde ich in einem kleinen Minimarkt fündig was Zopfgummis betrifft, denn da bin ich heute schlecht ausgerüstet! Und kurz darauf, mitten in der Fußgängerzone, deutet uns ein ganz alter Mann freudestrahlend mit seinen Händen ein Herz an und sagt mehrmals „Bom Caminho“, so voller Begeisterung, als wären wir die ersten Pilger, die er hier zu Gesicht bekommt. Seine Geste und sein Strahlen haben aber etwas so herzerwärmendes, dass ich ihn wohl nie vergessen werden, obgleich wir in dem Moment selbst noch etwas irritiert sind, aber wir gewöhnen uns noch daran, ein „Bom Caminho“ werden wir heute noch sehr, sehr oft hören von den Einheimischen, die uns mit oder ohne Hund entgegen kommen…
Endlich am Meer
An der Praia Redonda stoßen wir endlich auf Sandstrand und Atlantikwellen!! Unser erster Weg führt ohne Umschweife ins Café Guarda Sol [!keine Werbung!] weil wir die Keramikabteilung besuchen wollen, und aus Höflichkeitsgründen bestellen wir natürlich zwei Espresso, die wir bei grandiosem, uneingeschränkten Meeresblick einnehmen, und schon geht es weiter!
Von nun an geht es schnurgeradeaus Richtung Norden, zunächst einige Kilometer auf Asphalt. Es passiert nichts nennenswertes, aber die Strecke gefällt uns, insbesondere weil die Wellen hier einfach so riesig sind, wie wir es vielleicht noch nie gesehen haben!
Ab der Praia do Quiao geht es wieder auf die von gestern uns noch gut bekannten Holzwege über Strand- und durch Dünenlandschaft, was sehr typisch ist für den Caminho da Costa. Immer wieder wechseln sich Holz und Asphalt ab. Mittlerweile sind wir außerorts unterwegs und können zwei, drei Solo-Pilgerinnen sowie das Pilger-Duo aus der Kaffeerösterei gestern ausmachen. Man überholt sich immer irgendwie gegenseitig.
Nach der Praia da Agucadoura ist endlich die erste „apulische“ Windmühle in Sicht. Aber das täuscht, der Ort Apulia, unser Tagesendziel, ist noch ganz schön weit entfernt! Trotzdem bekomme ich hier ordentlich Aufschwung weil es SO schön ist, und für die nächsten Kilometer rausche ich Philipp regelrecht davon.
An der Praia da Barranha zweigt unser Weg nun ab, von der Küste weg. Wir passieren hier erst einen Fußballplatz und dann einen Golfclub. So langsam kriege ich Hunger. Und irgendwo im Nirgendwo taucht dann, nach geraumer Zeit, eine kleine Oase auf, hier gibt es Getränke, Snacks, Souvenirs und Stempel. Die ältere Portugiesin kann kein Wort Englisch aber mit Händen, Füßen und meinem sagenhaften Know How aus anderthalb Monaten Portugiesisch-App, kommen wir doch zu einem Kaffee und einem Käsetoast.
Schnell weiter, wir haben jetzt noch eine gute Stunde vor uns und wer rastet der rostet. Tatsächlich war die kurze Pause eigentlich schon zu lang, denn unsere Euphorie ist seitdem gebremst! Die restliche Strecke zieht sich daher ganz schön, insbesondere weil sie landschaftlich auch nicht sonderlich attraktiv ist. Zuerst geht es zwischen Gewächshäusern hindurch und dann brettern plötzlich wieder Autos in rasender Geschwindigkeit an einem vorbei, sodass man sich an die eine oder andere Häuserwand drücken oder gelegentlich in den Dreck springen muss. Das ist ganz schön gefährlich und nervig. Aber abgesehen davon, sind wir unterm Strich begeistert von der heutigen Strecke, es gab einfach irre viel zu sehen!
Kaum haben wir Apulia erreicht, gibt mir das Kopfsteinpflaster den Rest! Mir tun so die Füße weh und beide haben wir schon ordentlich Muskelkater in den Oberschenkeln, der heutige Tag war wohl doch nicht so ganz ohne! Uns ist beiden nicht ganz klar, wieso der durchschnittliche Pilger die unsrige, heutige Strecke als Ruhetag einstuft und an normalen Pilgertagen gerne mal das Doppelte läuft! Nee, macht ihr mal, wir pilgern lieber mit Muße und freuen uns schon kindisch auf die läppischen sieben Kilometer morgen! Möge es da nur keine böse Überraschung geben…
Apulia – Von der Qual des Weges zur Quelle des Wohlbefindens
Nachdem wir das Hotel erreicht und bis dahin den Ort halb durchquert haben, kann ich schon sagen, dass mir das Örtchen äußerst sympathisch ist. Etwas kleiner und, zumindest jetzt in der Nebensaison, weniger touristisch als Vila do Conde, aber es ist alles da. Allein in unserer Straße gibt es Frisör, Massage, Yoga, Bäcker, Fleischer, Minimärkte, Restaurants uvm. Schätzungsweise ein typischer ruhigerer Urlaubsort für Portugiesen!?
Das Hotel erreichen wir um kurz nach 13 Uhr und 19 Kilometern. Jetzt mögen wir aber wirklich nicht mehr, der letzte Kilometer war eine echte Qual. Zum Glück ist unser Gepäck schon da, das von Marianne im Übrigen auch. Ob wir ihr Gepäck nun jeden Tag sehen werden aber sie nie wieder?
Unser kleines Zimmer ist absolut ausreichend und schön, wir haben sogar einen Balkon! Ich habe hier nichts zu beanstanden. Trotzdem brechen wir nach kürzester Zeit wieder auf, mein Mann hat Hunger! Leider bekommen wir im Hotel nichts ohne Voranmeldung aber wir haben Glück, das nächste Restaurant ist nur 100m entfernt und uns ist beiden egal, was es dort gibt!
Erfreulicherweise landen wir dort in einem richtig tollen Restaurant, an einem gewöhnlichen Dienstag Mittag ist hier ganz schön was los, die Portugiesen lassen es sich gut gehen! Trotzdem werden wir schnell und zuvorkommend bedient. Das Essen ist sehr üppig und genauso lecker, ich hätte auch gerne ein Glas Wein aber Philipp möchte noch eine Weile (oder ein paar Monate) alkoholfrei bleiben, also bleibe auch ich heute bei Gänsewein.
Und noch ein kleiner Umweg! Zum nächsten Minimercado, Wasserflaschen holen. Denn wir wollen heute wirklich nicht nochmal vor die Tür!!
Der Nachmittag und Abend ziehen an uns vorbei. Was mich betrifft, bearbeite ich Fotos, dusche, massiere meine Füße, schreibe Tagebuch und gucke mir unser Programm für die kommenden Tage an. Derweil schüttet es draußen zuerst, danach strahlt die Sonne mit voller Kraft.
Gegen 18.15 Uhr gehe ich unerwarteterweise doch nochmal spontan raus. Schräg gegenüber gibt es einen Wellness Salon, so nenne ich es mal. Begriffe wie Massage und Ayurveda locken mich an. Ich kann tatsächlich für 19 Uhr spontan eine Bein- und Fußmassage bei Ana buchen, eine Stunde für 25 Euro ist ein unfassbares Schnäppchen.
Kurz vor sieben gehe ich hin und bin dann wirklich im absoluten Wellnesshimmel! Es läuft Yoga Musik und Räucherstäbchen verströmen einen tollen Duft und so werde ich im Kerzenschein durchgeknetet. Ich bin der guten Frau unendlich dankbar, auch wenn es ganz schön schmerzhaft ist! So eine tolle, unvergessliche Stunde, zu deren Abschluss sie mir sogar noch ein Armband schenkt aus ihrer Kollektion, die sie zum Verkauf dort liegen hat. Ich bin ganz beseelt und könnte sie knuddeln. Daraufhin kann ich auch sofort einschlafen! Philipp auch – obwohl der gar nicht dabei war.
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