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Montag, 24. März 2025
„You´ll never walk alone“ (Richard Rodgers)
Wanderetappe A Guarda nach Oia ca. 0 km
Eine fährt Bus und einer pilgert allein
Die Pechsträhne will nicht abreißen
Gestern Abend wurde es noch spät und es sind viele Tränen geflossen. Würde die Reiseversicherung einen Reiseabbruch bezahlen in diesem Fall? Wollen wir das überhaupt – abbrechen? Welchen Sinn macht ein Pilgerweg ohne (gesunde) Füße? Und überhaupt: Aufgeben weil die Füße wehtun? Wem tun die Füße denn nicht weh beim Pilgern? Pilgern ohne Schmerzen ist kein Pilgern. Aber muss man sich selbst derart quälen und vielleicht langfristig schädigen, nur um… ja um was eigentlich???
Entsprechend müde bin ich heute Morgen als der Wecker klingelt! Und ich entscheide mich final für einen zweiten Pilger-Pausen-Tag. Gestern hatte ich mich nämlich zu keiner Entscheidung mehr durchringen können, aber es ist heute aufgrund des Zustands meiner Füße glasklar: Ich werde heute erneut nicht wandern!
Es ärgert mich zwar massiv, aber wenn ich es auf diese Weise bis Santiago schaffe, indem ich notgedrungen eben zum Beispiel nur jeden zweiten Tag laufe, dann ist das eben der Kompromiss, den ich eingehen muss. Manchmal ist das so im Leben.
Beim morgendlichen Packen dann jedoch sofort das nächste Drama: Der Reißverschluss meiner Reisetasche reißt und ich kann sie nicht mehr schließen! Dadurch, dass heute wieder die Wanderschuhe drin sind, weil ich die ja nicht brauchen werde, und vielleicht auch weil ich heute besonders lustlos und schlecht gelaunt gepackt (gestopft) habe, platzt die Tasche sozusagen auf. Eigentlich müsste ich ebenfalls kurz vorm Platzen sein. Stattdessen verstumme ich wieder einmal, weil ich es langsam nicht mehr fassen kann. Sind wir hier irgendwie bei „Pleiten, Pech und Pilgern“???
Der heute diensthabende Rezeptionist ist ein älterer Herr, der nur Spanisch spricht. Per Goggel Übersetzer machen wir ihm begreiflich, was passiert ist, und bitten um Hilfe, in welcher Form auch immer. Er drückt uns Panzerklebeband in die Hand, was eine dufte Notlösung ist, denn damit umwickeln wir die Tasche damit sie zumindest erst einmal transportfähig wird, da ja das Gepäck bald abgeholt wird.
Eine Australierin, die wir seit Viana do Castelo kennen, sieht mich in der Lobby sitzen und bemitleidet mich ein bisschen, erzählt mir, ähnliches sei ihr mal in Amsterdam passiert und dann musste sie sich das grüne Gepäckstück kaufen, welches sie da hinten stehen hat… Tja, denke ich bei mir, Amsterdam hat vielleicht das ein oder andere Kofferfachgeschäft mehr als das 10.000 Einwohner fassende A Guarda…
Aber auch dafür hat unser Rezeptionist eine Lösung: 100 Meter entfernt gibt es einen „China Store“, der hat angeblich ALLES! Da können wir ab halb zehn hingehen! Ich bin gespannt, ob ich dort wirklich fündig werde, beschließe aber, erstmal guter Dinge zu sein, was das betrifft! Doch zuerst das Frühstück. Das ist in diesem Hotel wirklich nicht der Rede wert, es ist das einfachste und langweiligste der Woche. Im Grunde eine Frechheit. Ich esse lediglich Baguette mit Butter. Das ist jetzt auch nicht unbedingt hilfreich aber ich hatte nichts anderes erwartet.
Unterwegs in A Guarda
Um Punkt halb zehn betreten wir den angepriesenen „China Store“ und es war nicht gelogen, dass es hier ALLES gibt! Wir sind beeindruckt ob der Größe und Auswahl des Geschäfts, von Küche über Bad über Baumarkt über Kinderspielzeug über Unterwäsche über Sonnenbrillen über Schmuck über Spielzeug über Elektroartikel über Drogerieartikel über was nicht alles bis hin zu eben Koffern und Reisetaschen!
Philipp macht ruck zuck das größte Exemplar unter den Reisetaschen ausfindig und ich bezahle überglücklich und bereitwillig die 17 Euro sowie noch nen Fünfer für das Regencape, das Philipp sich endlich zulegt. Ich bin sicher, ab jetzt werden wir nur noch Sonne haben!
Meine Freude über die Tasche ist nicht von langer Dauer, denn in der nächsten Apotheke bekomme ich nichts von dem, was ich suche, wenn auch immerhin Silikonohrstöpsel und ein Eisgel, welches mir die Angestellte für den Fuß aufschwatzt. Vielleicht hätte ich die anderen Produkte auch im China Store suchen sollen…
Phil ist inzwischen auf dem Caminho und auf meiner nur sehr kleinen Runde durch A Guarda sehe ich sogar ein bisschen Street Art, sehr schöne sogar, die den Namen auch verdient. Viel sehe ich natürlich nicht von dem Ort, aber ich möchte glauben, dass es eine schöne Altstadt und an der Flussmündung des Río Miño einen tollen Sandstrand geben muss.
A Guarda ist durchaus touristisch aufstrebend, in erster Linie unter den spanischen und portugiesischen Urlaubern, und natürlich den vielen Pilgern. Letztes Jahr sollen es, offiziellen Zahlen zufolge, knapp 75.000 Pilger gewesen sein, sagen wir also rund 200 pro Tag, ich finde das klingt gar nicht so unfassbar viel, die kann man ja in ein, zwei Hotels oder vier großen Pilgerherbergen unterbringen. Andererseits kommt die Masse dieser Pilger natürlich in den wärmeren Monaten, also geht meine Rechnung nicht so richtig auf.
Ich gehe zurück ins Hotel. Offenbar wartet man schon darauf, dass ich endlich auschecke aber es ist gerade mal halb elf, und bis zwölf Uhr habe ich angeblich Zeit. Deshalb schmiere ich mir in aller Ruhe nochmal die Füße ein und packe meine restlichen sieben Sachen bevor ich zur Bushaltestelle tapere.
Oia – Hindernisse und Hoffnungsschimmer
Ich bin eine halbe Stunde vor Abfahrt an der Haltestelle in A Guarda und ein freundlicher Busfahrer, der ein ganz anderes Fahrtziel hat, mir aber meine Verzweiflung und Verwirrung wohl ansieht, steigt aus und fragt mich, wie er mir helfen kann. Ja, es sei richtig, 11.30 Uhr Abfahrt hier nach Oia! Ich kann das dem ausgehängten Busplan zwar, bei aller Liebe und Bemühung, nicht entnehmen, aber der Busfahrer und die beiden Rezeptionisten, die ich gestern und heute getrennt voneinander befragt habe, werden wohl Recht haben!
Natürlich haben sie das! Der Bus kommt wie angekündigt, und die engagierte Busfahrerin sagt mir sogar Bescheid, als ich aussteigen muss. Nach nur 15 Minuten Fahrt bin ich in Oia – Rina. Die kurze Fahrt war für mich doch sehr emotional gewesen, weil ich parallel zum Caminho fuhr und schon von hier oben erahnen konnte wie herrlich die Strecke heute sein muss, die Phil gerade geht, zumal endlich bei Sonnenschein… Das wird er mir später auch bestätigen: Die vielleicht allerschönste Etappe bisher!
Aber nun bin ich da und ich gehe nur wenige Minuten bis zu unserem Hotel. Natürlich ist es noch viel zu früh aber ich kann nach ein bisschen Wartezeit (wegen Stromausfalls) tatsächlich schon einchecken. Der Empfang ist nicht gerade warm, ich fühle mich nicht auf Anhieb wohl, aber das Zimmer ist dann völlig ok. Uralt aber sauber und ordentlich. Es gefällt mir sogar ein bisschen besser als das der letzten Nacht. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass es mir mental ein bisschen besser geht und die unfassbar grüne Umgebung lockt.
Ein paar hundert Meter entfernt befindet sich der „Ortskern“, eigentlich nur eine Ansammlung weniger Häuschen rund um das hiesige Kloster. Hier treffe ich zufällig auch schon auf Philipp, als ich gerade mit meiner Autowerkstatt telefoniere. Mein Mann hat einen riesen Hunger. Leider, leider, leider kehren wir daher umgehend in das einzige Restaurant vor Ort ein, welches sich als Katastrophe erweist! Wir hatten nämlich nicht bis 19 Uhr warten wollen, dann könnte man nämlich bei uns im Hotel zu Abend essen.
Außerdem hatte uns hier im „Ort“ der Meerblick des Restaurants angelockt. Bedauerlicherweise gibt es kaum etwas Vegetarisches und dann schmecken die Kartoffelecken auch noch matschig und eklig und in meinem Salat ist ein Krabbelviech, in Phil´s Essen eine Ameise. Das erinnert mich an ein ähnliches Erlebnis in Madrid vor zehn Jahren… Ich bin nun vollends bedient! WAS? KOMMT? DENN? NOCH?
Ich gebe mir wirklich Mühe, das Positive zu sehen, mich an jeder Blume und jedem Sonnenstrahl zu erfreuen. Aber mir werden wirklich ganz schön viele Steine in den Weg gelegt… Wir gehen ins Hotel und ich habe einen neuen emotionalen Tiefpunkt. Ich wollte doch bloß URLAUB machen…
Warum läuft es derart unrund? Na gut, wenigstens habe ich Philipp – und die Rettung naht: ab 15 Uhr gibt es unten in der Caféteria = Frühstücksraum = Hotelrestaurant die Möglichkeit, Kaffee und Süßteile (und Alkoholisches…) zu verzehren. Hier spielen wir anderthalb Stunden UNO, damit ich mal auf andere Gedanken komme. Nach und nach taut auch der Hotelier = Barkeeper auf und ist eigentlich doch ganz nett und fast gesprächig. Wir kriegen außerdem mit, dass Marianne vorn an der Rezeption eincheckt.
Philipp geht irgendwann wieder auf´s Zimmer und ich telefoniere lange nach Hause. Anschließend mache ich einen Termin beim Hausarzt für nach unserer Rückkehr, der Füße wegen. Besser ist das. Nun muss ich aber das Projekt „Reisetasche umpacken“ angehen, bevor wir mit Dinkel-Sesam-Stangen und Paprika-Salzstangen aus dem heimischen Drogeriemarkt den Tag beschließen. Kalt ist das Zimmer leider!
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