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Dienstag, 25. März 2025
„On the way“ (Hollow Coves)
Wanderetappe Oia nach Baiona ca. 18 km
Gehzeit ca. 05h15, Pausenzeit ca. 30min
Galicische Gastfreundschaft
So schlicht und einfach unser Hotel hier in Oia gewesen war, es war alles wunderbar in Ordnung und das Zimmer hatte sogar Meerblick. Heute Morgen mache ich dem Chef vorsichtshalber gleich nochmal ein Kompliment dafür, da er zunächst auch wieder zurückhaltend ist, wie gestern, da musste er auch erstmal auftauen. Er scheint sich zu freuen und hilft mir auch mit meinem Kofferanhänger, für dessen Befestigung an der neuen Tasche, ich etwas Tesafilm benötige.
Das Frühstück ist leider sehr übersichtlich, es läuft für mich wieder auf Baguette mit Butter und Kaffee hinaus. Was ich anfangs genossen habe, weil ich zu Hause so gut wie kein Weißmehl esse, oder zumindest kein Baguette oder Toastbrot. Das wird hier langsam grenzwertig weil es einfach nichts anderes gibt! Ich würde zwar durchaus frisch zurecht gemachtes Rührei bekommen, will ich aber nicht, ich bin für Eierspeisen nicht so sehr zu haben.
Mammutmarsch von Oia nach Baiona
Für uns wird es hier ab ca. 15km immer anstrengend, deshalb darf ich diese Überschrift wählen, auch wenn eine 18km-Etappe für die meisten Pilger alles andere als ein Mammutmarsch ist! Nach Baiona sind es heute theoretisch 19km, für mich wird es ein Kilometer weniger, aber dazu komme ich bald.
Unsere Tour beginnt in der Nähe des Klosters von Oia und führt zunächst durch irische Atlantik-Küstenlandschaft. Galicische meine ich natürlich. Aber es könnte auch Irland sein! So grün und so blau und so sonnig und diese großen Steine auf den Wiesen. Es gibt hier am Anfang der Etappe sogar Kühe zu sehen und zwei Pferde.
Sehr gut gelaunt starten wir also und bald darauf fliegen auch die Jacken. Das Wetter und dieser landschaftlich reizvolle Auftakt machen mich gerade sehr glücklich und fröhlich. Dem Übermut und der vielen Sonne geschuldet, muss ich an das Lied „Wo bist du mein Sonnenlicht?“ von Grup Tekkan aus dem Jahr 2006 denken. Wenn du es kennst, weißt du, was für ein Quatsch das ist, wenn du es nicht kennst, solltest du es dir unbedingt kurz online anhören. Ein großartige Ohrwurm für die nächsten Kilometer, nachdem ich es Philipp, zu seinem Bedauern, einmal kurz vorgespielt habe…
Irgendwann wird es dann bewohnter und „örtlicher“, dort treffen wir an einer Sammlung bunt bemalter Steine zwei andere Pilgerduos, die fast den ganzen Tag mal vor und mal hinter uns gehen. Die Steine sind verziert mit Camino-Motiven bzw. –Sprüchen und man hat sie hier zu einem riesigen Haufen aufgetürmt. Wer hier also seinen zu Hause vorbereiteten Stein abgelegt hat, muss ihn bis hier her auch geschleppt und (wahrscheinlich durch Social Media oder eine Camino App) von diesem Ort gewusst haben.
Bald sehen wir das erste Pferd, das endlich mal nah genug dran ist, um es kurz zu streicheln. Leider ist es an einer langen Leine am Boden festgemacht und trägt ein schmerzhaft aussehendes Halfter aus dünnen Eisenketten, auf die er absichtlich sicher keinen Druck ausübt! Der Wallach ist aber wenigstens gut genährt und sieht an sich auch gepflegt und muskulös aus, das ist hier leider eher die Ausnahme.
Wir werden heute noch sehr, sehr viele Pferde sehen, die meisten stehen gar nicht gut im Futter. Das nächste Pferd zum Beispiel liegt schlafend oder dösend auf einer Wiese, es scheint schon älter zu sein, und hat eher stumpfes Fell. Gesellschaft leistet ihm eine Kuh (ein Ochse?). Wenigstens ist dieses Pferd nicht angekettet, sondern darf frei auf der Wiese sein.
Es geht wieder näher ans Meer heran. Drei Ponys auf einer Wiese sehen sehr schlecht aus, auf ihrer Wiese liegt eine ganze Menge Bauschutt, einschließlich Kloschüsseln. Die armen…
Aber die Küstenpanoramen hier sind unvergleichlich schön, wenn das hier die Fortsetzung von Phil´s gestriger Etappe ist, verstehe ich wieso er sie als die schönste aller Etappen bezeichnet hat, auch wenn ich daran keinerlei Zweifel gehabt hatte, allein schon gemessen an der Umgebung unserer Unterkunft der letzten Nacht.
Doch dann ist auf einmal wieder die Hauptstraße angesagt! Ein breiter gelber Streifen markiert die Spur für Pilger und Radfahrer. Leider geht es elendig lange auf dieser Straße geradeaus, was meinen Füßen mehr Probleme bereitet als meinem Kopf. Den stört das überhaupt nicht, es gibt ja trotzdem was zu gucken. Die Strecke von Castelo do Neiva nach Viana do Castelo war da deutlich herausfordernder gewesen, auch wenn es nicht geregnet hätte, wäre es dort einfach schrecklich eintönig gewesen.
Meine Füße machen bisher gut mit heute, beide wieder in je einen halben Zinkleimverband gewickelt. Ibuprofen vorsichtshalber im Rucksack. Bisher habe ich davon keinen Gebrauch gemacht. Es geht sich ganz gut, nur eben nicht auf dem Asphalt. Wo es irgend geht, weiche ich auf jeden noch so winzigen Fleck Gras oder Schotter oder Sand aus.
Es kommen zwei Stellen, an denen Philipp mich jeweils für ein paar Minuten verlässt, was nun die Erklärung dafür ist, wieso ich in Summe ca. einen Kilometer weniger Weg habe als die Etappe vorgibt. Der markierte Pilgerweg zweigt hier nämlich von der Hauptstraße ab und trifft wenig später wieder auf diese. Ich gehe also einfach geradeaus weiter und Philipp geht zwei kleine zusätzliche Bögen, er kann einfach nicht genug kriegen.
Trotz des blöden Untergrunds ist es mir so lieber. Ich bin froh, wenn ich Baiona überhaupt aus eigener Kraft erreiche, da brauche ich keine Extrawürste. Extrarunden.
Einmal trifft Philipp bei seiner Zusatzschleife auf Marianne, die ihm eine Mandarine für den Weg pellt. Pech für mich.
Die Küstenlandschaft ist weiterhin beeindruckend aber von der Hauptstraße hier oben immer von Autolärm begleitet. Irgendwann kommen wir nochmal an einem kleinen Pony vorbei, das gerade liegt, aber als ich auf den Zaun zugehe, kommt es sofort angelaufen. Ich setze mich auf den Fußboden um mit ihm auf Augenhöhe zu sein und darf es ganz ausgiebig kraulen und streicheln, wahrscheinlich weil das sonst niemand tut…
Als der Weg irgendwann von der Hauptstraße von der Küste weg abzweigt, ist klar, dass jetzt der Bergauf-Teil kommt. Das hatte ich mir schon vorher angeguckt auf diversen Karten. Und wie das bergauf geht! Madeira lässt grüßen! Wenigstens nicht für besonders lange! Trotzdem, was bin ich froh, dass ich die Stöcker habe und Philipp so viel Geduld. Denn natürlich fange ich sofort wieder das Keuchen an, die Luft ist hier das Problem, nicht die Füße!
Es geht jetzt eine Weile über Stock und Stein und als es dabei weniger steil wird, macht es richtig Spaß. Vom Untergrund her, liebe ich solche Wege, weil man sich jeden Schritt genau überlegen muss, das ist abwechslungsreicher (und schmerzfreier) als Asphalt geradeaus…
Als auch dieser Teil geschafft ist, stehen rechts auf einer Wiese zwei Fohlen, vielleicht schon Jährlinge, die sich liebend gerne streicheln lassen! Als plötzlich Schüsse und Knallen über Baiona zu hören ist, bleiben sie völlig unbeeindruckt, was wiederum mich beruhigt, denn wir können uns den Lärm nicht erklären. Man sieht zwar, dass etwas in die Luft geht, wie Silvesterraketen und dann mal mehr, mal noch mehr knallt, aber was das sein soll, werden wir nicht mehr erfahren, es geht aber etliche Minuten lang so.
Auf der Wiese gegenüber stehen ein altes und ein junges Pferd zusammen. Das junge ist ganz schön aufgeregt, es scheint den Lärm noch nicht zu kennen. Weiter hinten sehen wir unseren ersten Esel auf dieser Reise!
Und jetzt bin ich auch langsam am Ende meiner Kräfte! Von hier an laufen wir wieder auf Asphalt aber in ungezählten Kurven und ausschließlich steil bergauf oder bergab, was meine Füße nun doch stark fordert! Wäre die Straße zur nächsten Bushaltestelle für Fußgänger begehbar gewesen, hätte ich sie angesteuert, denn ich habe heute schon mehr Kilometer in den Waden, als ich heute schaffen wollte! Alles ab jetzt ist bestimmt dumm von mir für die verletzten Füße…
Aber es hilft nichts, es geht weiter hoch und runter, hoch und runter, noch viel höher und immer so weiter, am Miradoiro do Monte Alto machen wir sogar eine ausgiebige Pause, eine schöne lange Steinbank lädt zum Hinlegen ein! Ein paar Bänke weiter schmiert sich ein deutsches Pilgerduo Stullen.
Kurz darauf erreichen wir Baiona aber die Streckenführung geht weiter so wie zuletzt beschrieben. Erst relativ kurz vorm Hotel wird es endlich flach und die wenigen schmalen Gassen, die wir durchstreifen, lassen erahnen, dass das hier ein ganz schönes Städtchen ist!
Deprimierendes in Baiona – Manchmal ist das Ziel ein Reinfall
Unser Hotel ist leicht zu finden, doch dann war es das auch mit den Schönheiten des Tages! Nach so einer Tour in diese Absteige zu kommen, ist wirklich mehr als traurig. Der Empfang ist schon nur lauwarm und das Zimmer nur im allerersten Moment ganz nett. Zuerst denken wir, oh schön groß, und kein (versiffter) Teppich. Cool! Aber bei näherem Hinsehen ist es ganz schön dreckig, insbesondere das Bad. Hier werden wir uns einfach nicht wohlfühlen.
Schnell wieder raus hier! Ein Restaurant um die Ecke hat geöffnet, sagte der Rezeptionist. Es ist fast 15.30 Uhr, also gerade wieder Siesta. Und hier in Baiona machen die Restaurants nicht um 18 oder 19 Uhr wieder auf sondern um 20 oder 21 Uhr. Nein, danke, das würden wir nicht schaffen, so lange zu warten! Also raus zur Plaza Padre Fernando, wirklich nur wenige Meter entfernt, und ins Restaurant!
Wir sitzen draußen und bestellen Getränke, Vor- und Hauptspeise aber nichts davon haut uns um. Ich habe vorweg gebackenen Camembert mit Marmelade und Salatdekor, Philipp Garnelen mit Aioli. Als Hauptgang habe ich (viel zu viel) Salat mit Obst und Ziegenkäse, Philipp Pommes und Fleisch, aber all das klingt besser als es ist und mein Glas ist auch eklig. Der eine Kellner ist supernett, der andere wortkarg und grimmig. Auch hier fühlen wir uns nicht wohl! Was soll das denn, Baiona?!
Unser Hotel hat aber auch noch Anschluss an eine Bar, durch die wir, genau genommen, vorhin auch reingekommen sind. Hier gibt es Kaffee und jeglichen Alkohol. Hier sitzen wir noch und bestellen zwei Kaffee, für Phil Omelett und für mich Churros. Letztlich kommt mein Kaffee nie an und die Churros sind vermutlich von gestern.
Zu duschen kostet aufgrund diverser Haare in der Wanne und in unseren Handtüchern Überwindung und dann stellen wir auch noch fest, dass weder WLAN noch mobile Daten richtig funktionieren! Grandiose Herberge!
On top kommt ein Sonnenbrand vom Feinsten: Bei Philipp Arme, Nacken und Ohren, bei mir Arme und Gesicht. Das dürfte noch schmerzhaft werden!!
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