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Mittwoch, 26.03.2025
„I want it that way“ (Backstreet Boys)
Wanderetappe Baiona nach Curoxo ca. 0 km
Zwangspausiert
Wenn der Weg Pause macht – KEIN Wandertag
Die Nacht haben wir ganz gut überstanden, abgesehen von den Sonnenbrandschmerzen, die locker meine Fußschmerzen übertrumpfen. Wir verzichten jedoch auf das Frühstück weil wir dieses Hotel so schrecklich finden, da trauen wir uns heute irgendwie nicht ans Essen.
Was ich aber absolut jeden Morgen genieße, das ist der Verzicht auf Make Up und Co. Man spart so viel Zeit und Nerven, wenn man das einfach sein lässt, obwohl ich schon kaum etwas davon verwende und nur äußerst dezent einsetze. Und auch bei anderen Pilgerinnen beobachte ich, dass kaum jemand zugekleistert hier rum läuft. Passt ja auch irgendwie nicht so richtig zu so einer Reise, wo man wirklich ganz andere Sorgen und Prioritäten hat.
Die heutige Wanderetappe von Baiona nach Coruxo hat 16km und dafür stecke ich Philipp in meinen rosafarbenen Schlauchschal, damit der Nacken zumindest ein wenig geschützt ist, er weigert sich aber vehement, diesen auch über die Ohren zu ziehen, und vor allem will er bei der „Hitze“ nichts langärmeliges tragen. Ich habe so meine Bedenken, aber er ist alt genug! Ich jedenfalls werde nicht gehen heute, die Vernunft siegt. Füße und Haut haben auch so genug Leid zu ertragen.
Gegen viertel nach neun verlassen wir unser „Penthouse“, Philipp Richtung Supermarkt (Teigwaren, Wasser und Smoothies für den Weg kaufen), ich Richtung Apotheke. Wieder mal habe ich dort keinen Erfolg aber eine nette Unterredung mit der Apothekerin, die nämlich in ihrer Freizeit Deutsch lernt, was mir bei meinem Anliegen enorm hilft, und sie freut sich über mein Lob. So weit bin ich mit meinem Portugiesisch noch lange nicht!
Auch in einer Art Reformhaus hat man nicht das Passende für mich aber die Frau ist sehr bemüht und hat eine tolle (aber teure) Produktpalette. Immerhin finde ich auch hier in Baiona einen „China Store“, quasi das Pendant zu unseren Euroläden o.ä., und finde hier ein neues Band für mein Handy, welches gestern kaputt gegangen war. Genauer gesagt die Einlegscheibe, die man zwischen Handy und Hülle steckt, die war gerissen (und wird hier nur zusammen mit einem neuen Band verkauft). Die neue „Scheibe“ wird auch nur ein paar wenige Wochen halten aber das weiß ich ja jetzt noch nicht und für den Moment hilft sie mir!
Dann ruft mich Philipp an. Er habe die Sonnencreme vergessen! Ich bin zwar überzeugt davon, dass er sie eingepackt hat aber wir vereinbaren, uns am Hotel zu treffen, weil ich die einzige Zimmerkarte habe. Es stellt sich natürlich heraus, dass er die Sonnenmilch sehr wohl dabei hatte, ein bisschen seitlich im Rucksack verstaut. Mittlerweile hat Phil selbst Angst um seinen Sonnenbrand, er sieht einfach übel aus und es wäre wirklich nicht sehr verantwortungsvoll, heute durch die pralle Sonne zu wandern.
Erst machte uns der viele Regen so zu schaffen und jetzt können wir offenbar mit der Sonne nicht umgehen. Wir sprechen kurz darüber und dann steht fest: Er bleibt heute auch hier! Es wäre ja so gewesen: Etappe bis Coruxo und von dort Transfer zurück nach Baiona, weshalb ich hier auch so bequem bleiben kann. Weil wir hier heute ein weiteres Mal übernachten. Und da ist es wirklich kein Verbrechen, einmal auszusetzen, nur erzählen wird er das niemandem…
Und wo machen wir einfach mal einen Tag Urlaub am Meer! Natürlich nicht gerade am Strand in der Sonne aber wenigstens haben wir hier ein kleines Städtchen, wo man ein bisschen spazieren gehen kann. Caminho in Stand-By sozusagen.
Der Geschmack von Pause
Zu allererst gehen wir nebenan in den Outdoorladen, als dieser endlich öffnet, und kaufen uns zwei ganz schicke Touri-Sonnenhüte für den Rest des Pilgerwegs. So ist alles, was geht, einigermaßen bedeckt bzw. „beschattet“ und wir sehen mächtig Panne aus, wie zwei Abenteurer, die auf eine Expedition durch die Wüste gehen wollen. Egal!
Es ist nun schon mindestens halb elf und ich würde gerne mal frühstücken. Und tatsächlich finden wir nach ein bisschen Sucherei ein sehr nettes Café, wo wir fast zwei Stunden verweilen weil wir hier schattig und kühl sitzen und die Bedienungen so nett sind.
Für zwei Kaffee, zwei Cappuccini, zwei frisch gepresste Orangensaft, ein Wasser und ein getoastetes Baguette mit Käse und Tomate beträgt die Rechnung gerade mal 12,90 Euro – und zwei Streifen superleckeren Kuchen hatten wir sogar noch dazu bekommen bei der xten Bestellung. Oft bekommen den nur die Einheimischen aber wir haben wohl so ungewöhnlich viel geordert, dass sie uns was Gutes tun wollten. Im Grunde hätten wir hier den ganzen Tag sitzen können…
Von Mauern und Monologen
Die Hauptsehenswürdigkeit in Baiona ist das Castelo de Monterreal, das nur 600m entfernt von unserem Hotel nördlich des Städtchens auf einer Halbinsel thront. In erster Linie ist hier heute ein luxuriöses Parador Hotel untergebracht aber man kann die historische Anlage auch als Nicht-Gast auf einem wunderschönen Spazierweg, immer am Meer entlang, umrunden.
Philipp gönnt sich dazu zwei Kugeln Eis auf die Faust und ist spätestens jetzt versöhnt, den Wandertag ausfallen zu lassen, was er zuerst nicht so richtig gut gefunden hatte. Selbstverständlich habe ich auch telefonisch den Taxiservice von Coruxo zurück nach Baiona für uns abbestellt, damit niemand auf unseren Anruf wartet.
Die Burganlage ist jedenfalls ungeahnt gewaltig und der Spazierweg dauert so seine Zeit. Ein paar Mal sitzen wir auf einer Mauer um unserer neuesten Lieblingsbeschäftigung nachzugehen: Wellen bestaunen.
Und an einer anderen Stelle spricht uns ein Spanier an, der gerade mit seinem Hund Goku Gassi geht. Er fragt uns ob wir Pilger seien und woher wir kommen. Fast eine halbe Stunde lang erzählt er uns ungefragt alles Mögliche mit Bezug zum Pilgern. Man kommt beim besten Willen nicht zu Wort aber sein Englisch ist ganz passabel, und was er erzählt, interessant.
Er gibt uns Tipps für den Weg nach Vigo morgen und wir verheimlichen ihm, dass wir erst in Coruxo loslaufen werden, denn die Strecke bis nach Coruxo hätten wir ja heute gehabt. Er zeigt uns auf Maps wo wir ein günstiges Tagesmenü bekommen in Baiona. Er erzählt, dass er seinen Hund aus dem Tierheim hat und gerne mal mit ihm pilgern möchte aber Hunde dürfen meist nicht in die Herbergen.
Er bemängelt, dass viele nur wegen der Compostela pilgern und obendrein gibt es auch noch jene, die fast ausschließlich Taxi fahren und immer nur den ersten und letzten Kilometer der Etappe wandern, damit sie einen Stempel ergattern und dann verkaufen sie ihr Stempelheft teuer im Internet und andere Leute freuen sich, dass sie damit, ohne einen Meter gepilgert zu sein, in Santiago die Compostela ergattern können, wie bescheuert!
Baiona habe 13.000 Einwohner, in der Hochsaison verzehnfacht sich diese Zahl durch die Touristen. In erster Linie kommen Pilger und dann sind überall Schlangen, bei der Post, in Restaurants, in Geschäften, überall! Ob ihn bzw. die Einheimischen das nicht nerve, kann ich einschieben. Ja, auf jeden Fall. Wer nicht unmittelbar an diesen vielen Menschen etwas verdient, ist nicht gerade dankbar für sie, aber noch schlimmer seien die Hauptstädter. In Galicien ist alles so viel günstiger als in Madrid, dort kostet alles das Dreifache, wohnen, einkaufen, essen, alles! Die Leute von dort, machen also gerne hier Urlaub, die meisten tragen ihre Nase aber hoch im Wind und das kommt hier nicht gut an. Sie kommen hier her, sind arrogant und betrachten die Galegos als hinterwäldlerisch, und behandeln sie oftmals abfällig, so seine Sichtweise.
Wir wissen zwar gar nicht wie uns geschieht und warum wir so einen Monolog vorgetragen bekommen aber es ist durchaus unglaublich spannend! Als er weg ist, herrscht erstmal eine große Stille und man nimmt die Meeresgeräusche wieder wahr. Uff! Was war DAS? Superspannend aber wir wissen einfach nicht wieso das alles. Egal, einfach als interessante Begegnung mit einem Einheimischen verbuchen. Macht nicht gerade das auch das Reisen aus?
Wir setzen unsere Castelo-Umrundung fort und spazieren dann zurück in die Altstadt und durch deren Gassen, suchen tatsächlich die Restaurantempfehlung des Hundebesitzers auf. Leider wird man dort nicht ohne Reservierung bedient! Das wäre natürlich eine wertvolle Information gewesen…
Wir suchen noch eine ganze Weile weiter, nehmen bei einer Bodega draußen Platz, aber es will uns einfach niemand bedienen, wohingegen, als wir den Tisch verlassen, sofort der Kellner angesprungen kommt und zwei Spaniern Tisch und Karte anbietet. Was ist denn hier los? Es ist doch Vorsaison, wir sind doch bloß zwei von (noch) ganz, ganz wenigen Pilgern!
Indisches Dönerglück und ein eiskaltes Dessert
Besonders Philipp fühlt sich benachteiligt und ignoriert und ist sauer. Auch ich verstehe das Gehabe nicht so ganz, werde aber lieber ignoriert oder abgewiesen, als dass man mir ins Essen spuckt…
Wir gehen eine ganze Weile kreuz und quer, eigentlich wollte ich heute gar nicht so viel laufen, schon das Castelo war ein bisschen viel für einen Ruhetag. Aber da meine Füße sich noch einigermaßen ertragen lassen, sei es drum!
Und dann landen wir bei einem Inder, der einen typischen „Türkischen“ Dönerladen führt. Dort gibt es günstig Döner und Falafel! So gut wie hier haben wir gestern für teuer Gold im Restaurant bei Weitem nicht gegessen!
Wir sind sehr zufrieden und auf dem Rückweg zum Hotel gönne ich mir einen Frozen Yoghurt auf die Faust. Es ist zwar erst 15.15 Uhr aber wir wollen die Füße hochlegen und den „Ruhe“-Teil des Ruhetages angehen.
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