Kleines Vorspiel
Noch nie habe ich so herrliche Gesichter geerntet, wenn ich mein nächstes Reiseziel verraten habe: Bilbao.
Man sah den Leuten regelrecht an, dass sie versuchen zu verbergen, dass sie keinen blassen Schimmer haben wovon ich rede. Oder sie gaben gleich unumwunden zu: Ich habe keine Idee wo das ist – in der Südsee??… Es war wirklich wunderbar. Allein für all die Reaktionen, hat es sich schon gelohnt. Und nach einer kurzen Erklärung („Baskenland.“ oder “Nordspanien.“) waren sie auch alle gleich viel zugänglicher, im Grunde sogar beeindruckt. Mit Spanien kann man ja im Allgemeinen was anfangen und Nordspanien ist ja irgendwie schon exotisch. Wer fährt da schon hin, wenn er nicht auf dem Jakobsweg wandern geht?
Naja und dann stellt sich auch noch die Frage nach dem Warum! Aber die kann ich gar nicht mehr beantworten. Eigentlich wollten wir nach Stockholm. Aber irgendwie wollte ich auch nicht bis zum Sommer warten. Es war Januar, als wir buchten… Ungefähr April wäre schön, irgendwie greifbarer. Und im April, so dachten wir… wäre Bilbao wettertechnisch Stockholm vorzuziehen…
Einen Tag vor Abflug
Vorbereitet war ich, ehrlich gesagt, selten weniger als dieses Mal. Keine ellenlange To do Liste, genau genommen: gar keine. Jedenfalls nicht auf Papier ausgedruckt. Nur eine grobe (imaginäre) Wunschliste: Guggenheim Museum, irgendwie Athletic Bilbao, Ausflug nach Biarritz, und gerne auch zur Biscayabrücke.
Richtige Vorstellungen hatte ich nicht, na gut, den Ausflug nach Biarritz & San Sebastian haben wir vorab gebucht gehabt, aber sonst kaum Vorbereitungen getroffen. Sogar nur einen einzigen Reiseführer gelesen. Vielleicht auch weil es nur den einen über unser Reiseziel gab in der Bücherei…
So „unvorbereitet“ ging es dann also los:
Dienstag, 11. April 2023
Nach einem wunderschönen Frühstück bei meinem Eltern und einer kleinen Verschnaufpause, bringen Bruderherz und Neffe 2 netterweise meinen Papa und mich zum Bahnhof. Wir sind so früh dran, dass wir sogar eine Regionalbahn früher erwischen, als geplant. 13.14 Uhr. Umso mehr Zeit, dann in Hannover nach Zeitschriften und Snacks zu gucken für die lange Fahrt nach Düsseldorf.
14.31 Uhr. Die Wagen unseres ICEs sind natürlich anders als geplant aneinander gereiht… aber immerhin finden wir unsere reservierten Plätze auf Anhieb (wir müssen rückwärts fahren…) und starten pünktlich. Die zweieinhalb Stunden ziehen sich, trotz Buch, wie Kaugummi. Immerhin kommt uns die Sonne entgegen. Herrlich!
17.10 Uhr. Fast pünktlich am Flughafen Düsseldorf angekommen, steigen wir dort um in den Sky Train. Die einzige (mir bekannte) Möglichkeit, von den Bahnsteigen der Fernzüge zu den Terminals zu gelangen. Und da wollen wir hin, denn direkt nebenan im Maritim Hotel [!Keine Werbung!] haben wir ein Zimmer reserviert. Wir fliegen nämlich erst morgen Mittag um 12 Uhr. Aufgrund der fantastischen (nicht!) Bahnverbindungen auf dieser Strecke, wäre es absolut High Risk, am selben Tag anzureisen, wenn der Flug so „früh“ startet. Den Flieger bekommt man dann nämlich nur, wenn absolut nichts schief geht auf der Bahnstrecke – und darüber brauchen wir uns ja wohl nicht zu unterhalten…
Unser Zimmer ist wirklich sehr groß und schön. Ich bedaure, keine Schwimmsachen dabei zu haben, denn hier hätte es ein Hallenbad gegeben. Oder doch nur einen Whirlpool? Egal, aber das wär´s jetzt!
Naja, immerhin Sonne satt. Und trotzdem verzichten wir auf den Ritt in die Stadt, die nämlich nicht gerade optimal an den Flughafen angebunden ist. In der Zukunft wird das vermutlich besser sein, denn direkt vor unserem Hotel wird gerade eine neue U-Bahn-Station gebaut. Ich hoffe, nicht heute Nacht…
Wir bummeln durch den Flughafen. Richtig Hunger haben wir nicht aber irgendwo was trinken oder snacken, mit Blick auf die Flugzeuge, das wäre schon schön… Die Aussichtsterrasse wurde aus „Corona-Gründen“ (…) geschlossen und nicht wieder geöffnet. Die Restaurants haben nur wenige Fensterplätze, aaaber wir ergattern noch einen Tisch in einer ruhigen Ecke mit ein bisschen Aussicht. Der Ausblick ist nicht gerade Plane-Spotter-freundlich aber für ein Spaghetti-Eis (Papa) und einmal Bruschetta (für mich) reicht es allemal. Wir freuen uns sehr auf morgen! Da sitzen wir dann selbst im Flugzeug!
Wir beschließen den Tag bereits um 21 Uhr.
Mittwoch, 12. April 2023
Von DUS nach BIO
Einen Wecker brauchen wir nicht. Papa ist immer früh auf, und ich leide heute massiv unter ausgetrockneten Schleimhäuten und sogar Händen. Die Luft in unserem Zimmer war die ganze Nacht über schier unerträglich gewesen, jedenfalls für mich. Ich könnte eine Regentonne leer saufen! Dabei stand die Air Con angeblich auf „off“. Ich verstehe es nicht und hoffe, dass es mir nicht das Genick brechen wird. Je trockener alles ist, desto besser setzen sich Viren und Co. fest. Ich hoffe, das geht gut, jetzt wo wir bald in einen Flieger steigen werden…
07.45 Uhr. Aber erstmal gehen wir frühstücken. Dort gibt es reichlich Flüssigkeit, vor allem die Kaffeeautomaten haben es mir angetan, sie haben sogar extra einen, der mit Hafermilch befüllt ist. Ich trinke meinen Kaffee am Liebsten schwarz aber bei so einem tollen Automaten, trinke ich heute zusätzlich sogar Latte und Milchkaffee. Abgesehen davon gibt es aber nicht viele vegane Optionen, immerhin eine Schüssel Hummus sowie Kichererbsensalat und natürlich Obst. Das hilft, um so langsam wach zu werden. Wir lassen uns viel Zeit, es sitzt sich dort ganz schön.
09.45 Uhr. Wir haben ausgecheckt und gehen die drei Meter mit unserem Gepäck rüber zum Flughafen. Wir haben bereits vor drei Tagen, zwischen Osterbrunch und Osterkaffee, Sitzplätze mit mehr Beinfreiheit dazu gebucht und online eingecheckt. Trotzdem ist unsere Arbeit immer noch nicht getan: Wir müssen am Automaten, ganz im Ami-Stil, die Gepäckklebebänder selbst ausdrucken, was nur funktioniert wenn man den Ausweis oder die Bordkarte auf das Gerät legt. Naja oder es funktioniert eben gar nicht. So wie in meinem Fall. Bei Papa klappt es auf Anhieb. Ich suche mir nach 598 Anläufen einen Mitarbeiter, der mir hilft.
Dann endlich dürfen wir uns in die Schlange stellen, um die Koffer abzugeben. Der Mitarbeiter an unserem Schalter schaut auf unsere Ausweise und schaut rum: „Ja wo ist sie denn, die Anna Maria Lisa?“… – „Ähm, das bin ich.“ – „Sie hatten gestern Geburtstag! Herzliche Glückwünsche nachträglich!“ – „Oh, danke!“ – Was für ein aufmerksamer Mensch. Aber eine Frage… Ist das jetzt gut oder schlecht, dass ich meinen Passfoto nicht ähnlich sehe?…
Ich fasse mich mal etwas kürzer: Als nächstes trinke ich noch möglichst viel Wasser (ich fühle mich schon wieder, oder immer noch, wie eine Wüstenpflanze), wir absolvieren in Rekordgeschwindigkeit die Sicherheitskontrollen (weil nichts los ist), kaufen noch mehr Wasser (…), sitzen am Gate (ich lese in meiner Psychologie-Zeitschrift, die ich gestern in Hannover am Bahnhof erworben habe) und warten nicht sehr lange, dann ist auch schon Boarding.
12.05 Uhr. Wir fliegen los. Mein erstes Mal mit dieser deutschen Fluglinie. Das Bordpersonal trägt einigermaßen hässliche Outfits. Die Farben der Airline machen sich nicht besonders gut, im Gegenteil, am Körper der jungen Frauen wirken sie irgendwie billig. Die Farben. Und die Frauen. Außerdem sprechen sie genauso wie ihre grundsätzlich nicht hilfreichen Kolleginnen in der Hotline, die mich privat und auch dienstlich, schon so häufig in einem solchen Ausmaß ge- und verärgert hatten, dass ich mir irgendwann mal geschworen hatte, niemals mit dieser Fluggesellschaft zu fliegen. Hatte ich aber wieder vergessen…
Die zwei Flugstunden fühlen sich trotz der etwas besseren Beinfreiheit schlimmer bzw. länger an als so manch Langstreckenflug! Ich kann nicht sagen woran es liegt aber die Zeit will einfach nicht vergehen, was mich maßlos überrascht. Ich bin müde, kann aber nicht schlafen. Ich lese, aber nur ein wenig. Mein mir fremder Sitznachbar (ich habe den Mittelsitz) schreckt im Schlaf hoch und schleudert mir dabei seinen Ellenbogen in die Seite. Eine kurze Entschuldigung wäre auch nicht schlimm gewesen. Aber ich kann schon froh sein, wenn er den Flug überhaupt überlebt, denn er macht auf mich von nun an den Eindruck, als hätte er Arm- und Brustschmerzen, das kann ich ja hier überhaupt nicht gebrauchen!
Geschafft! Und unsere Koffer kommen super schnell! Aber dieses Mal hat Papa einen rücksichtslosen Nachbarn; am Gepäckband. Als dieser seinen Koffer vom Band nimmt, schleudert er ihn Papa ans Schienbein, wodurch eine 10cm lange blutige Schramme entsteht, die ihn noch lange nach dem Urlaub daran erinnert…
Ich will einfach nur ins Hotel! Bitte, lass es schön sein! Eigentlich habe ich aber keine Bedenken, wir haben ein bisschen mehr ausgegeben und ich habe den Eindruck, dass das auch was gebracht haben dürfte.
3€ kostet ein Busticket in die City, die Fahrt dauert etwa 15 Minuten, das ist also wirklich um die Ecke. Das Wetter könnte besser sein aber kurze Wege sind auch schon was Feines. Da sind wir nun also! Bilbao! Hauptstadt der Provinz Biskaya und die größte Stadt des Baskenlandes!
Aufklärungsbedarf? Das Baskenland (auf Baskisch: Euskadi oder auch Euskal Herria) ist ein kulturell zusammenhängendes Gebiet, das sich überwiegend über einen Teil Nordspaniens, aber auch noch einen Fitzel nach Südfrankreich hin erstreckt. Hier wird überwiegend Baskisch (Euskara) gesprochen, was mit Spanisch absolut rein gar nichts zu tun hat und sogar mit keiner einzigen anderen Sprache verwandt ist. Das werden wir auch noch merken…
Bist du bereit? Für das Baskenland? Für Bilbao?



