Vulkanwanderung

Vulkanlandschaft per pedes

Tag 7 – Dienstag 28.  November 2023

Vulkanwunder erwandern

Heute wollen wir endlich mal etwas erleben und verlassen unsere Playa de los Pocillos. Ja, gestern waren wir auch schon einigermaßen aktiv aber heute wird so ein richtig typischer Action-Urlaubstag für uns: Es geht in die Vulkanlandschaft, für die Lanzarote so berühmt ist.

Dafür müssen wir das erste Mal früh aufstehen in dieser Urlaubswoche. Ab halb acht gibt es Frühstück und wir sind pünktlich da. Denn bereits um kurz vor neun holt José uns ab. Er betreibt seine eigene Firma, die solche Touren anbietet. Wie wir erfahren werden, lebt er mit Frau und zwei Töchtern im Norden der Insel, seine Frau betreibt ein Bekleidungsgeschäft in Teguise, der ehemaligen Inselhauptstadt, die ich auch gerne gesehen hätte, denn es soll einer der schönsten Orte ganz Spaniens sein, sagt auch José.

Wir sind die ersten, die abgeholt werden, es folgen noch zwei Stopps in Puerto del Carmen, zuerst ein holländisches Pärchen, vermutlich in unserem Alter. Danach ein irisches Ehepaar im Rentenalter, zusammen mit einer Mutter mit ihrer erwachsenen Tochter, die aber sicherlich jünger ist als wir, aus Polen. Damit ist unsere Gruppe komplett und wie sich herausstellen wird, ist das eine sehr angenehme Größe und die Individuen sind auch sehr erträglich. Das ist bei derartigen Ausflügen immer schon die halbe Miete!

Vulkanlandschaft per pedes

Wir fahren nun keine 20 Minuten mehr, bis wir den Startpunkt unserer Wanderung am Rande des Timanfaya Nationalparks erreichen. Der nach einem König benannte Nationalpark ist jedoch nur sehr begrenzt zugänglich, weshalb wir uns außerhalb davon bewegen. José klärt mich auf Nachfrage auf: Für Busse und Autos gibt es exakt eine Zufahrtstraße zum Visitor Center, dort gibt es schöne Aussichten, keine Frage, aber zu Fuß kann man im Nationalpark nur im Rahmen von Führungen unterwegs sein, für die man im Voraus buchen muss, teilweise mit Warteliste, und angeblich sei das Terrain dort gar nicht so erstrebenswert. Die Touren an der Grenze zum Nationalpark, so wie wir sie heute unternehmen, seien viel sehenswerter, was ich zuerst für eine Masche von ihm halte, positive Bekräftigung und so, aber schon sehr bald werde ich ihm glauben, denn wir erleben eine richtig tolle Tour!

Insgesamt gehen wir fast dreieinhalb Stunden mit José durch Vulkangebiet, durchaus geht es auch mal steil hoch aber meistens ist es relativ eben, jedoch extrem unterschiedlicher Boden, mal fest, oft weich und nur aus Kieseln bestehend, zwischendurch sogar Geröll. Die acht Kilometer Wanderstrecke werden von zahlreichen Stopps unterbrochen, an denen José uns etwas erklärt. Sei es eine Pflanze, etwas in der Ferne, etwas zum Vulkanismus im Allgemeinen, oder, oder, oder.

Vulkanlandschaft per pedes

Unterwegs, wenn wir marschieren, gibt es auch reichlich Gelegenheit, mit anderen aus der Gruppe zu plaudern, doch wir kommen mit niemandem so richtig ins Gespräch, abgesehen von dem irischen Rentner, der sich bemüht, mit jedem ein Gespräch zu führen. Und so erfahre ich, dass er in der Nähe von Dublin, fünf Minuten vom Meer entfernt, wohnt und Lehrer gewesen ist. Er und seine Frau verbringen gerade vier Wochen auf Lanzarote weil es sie unterm Strich günstiger kommt als zu Hause, was die Lebenshaltungskosten betrifft… Es ist sein viertes Mal auf der Insel, aber auch Fuerteventura kennt er schon. Und vor allem erzählt er mir von seiner Bucket List, die er für die Rente hat. Reiseziele, die er unbedingt noch erleben möchte. Einen Haken hat er dadurch nun schon hinter Kuba bekommen, dann sind die beiden von Seattle nach San Francisco die Küste runter gefahren, außerdem waren sie in Vietnam und Kambodscha. Der letzte große Traum war eigentlich Südamerika aber das ist so riesig, wo anfangen, wo aufhören? Und außerdem spricht er weder Spanisch noch reist er mit dem Rucksack, eine vernünftige, geführte Reise hätte ihn also locker 10.000 Euro gekostet, ich würde mal sagen pro Person. Deshalb sind sie so flexibel und werden stattdessen nach Südafrika oder Kenia fliegen. Aber auch der nächste Winter auf Lanzarote ist bereits gebucht. Ich muss wahrscheinlich nicht erwähnen, dass der Mann mir gewissermaßen imponiert?! Wenngleich ich der Meinung bin, dass man nicht bis zur Rente warten sollte…

Aber auch José hat viele interessante Dinge zu erzählen. Besonders beeindruckend ist seine Beschreibung von der Entstehung der Inselkette der Kanaren, durch die ich u.a. erfahre, dass Lanzarote und Fuerteventura einmal eine Insel gewesen sind! Noch heute beträgt die tiefste Stelle zwischen den Eilanden gerade mal fünfzig Meter! Etwas ähnliches könnte schon in wenigen Millionen Jahren mit Gran Canaria und Teneriffa passieren, nur eben andersherum, dass dort nämlich Land entsteht, das die beiden Inseln verbinden würde.

Vulkanlandschaft per pedes

Und sowieso: Ganz im Westen, westlich von der westlichsten kanarischen Insel, El Hierro, werden komplett neue Inseln entstehen, während Lanzarote und Fuerteventura verschwinden werden. Politiker in aller Welt würden jetzt die Klimakeule schwingen, José hingegen sagt, dass das Entstehen, aber eben auch Verschwinden von Inseln das natürlichste der Welt ist, es ist geologisch einfach normal, das war schon immer so und das wird immer so sein, denn so funktioniert die Erde!

Ich bin beeindruckt. Egal wovon er berichtet, ich wusste nicht, dass Vulkanismus so interessant sein kann. Oder vielmehr: Dass ICH es so spannend finden kann. Wahrscheinlich weil er es so simpel und anschaulich erklärt und ein recht gut verständliches Englisch spricht. Doch eine Frage bleibt für mich offen. Nachdem José anfangs erwähnt hatte, dass Lanzarote „zu Afrika gehört“, denn „es regnet hier so oft wie in der Sahara“, sprach er später erneut von Afrika weil sich die Inseln auf der afrikanischen Platte befinden.

Wie ist also das Verhältnis zwischen den Kanaren und dem spanischen Festland?, frage ich ihn kurz vor Ende der Tour als er sich mit Philipp und mir etwas zurückfallen und die Gruppe vor gehen lässt. Sein Gesicht wird merkbar finster und ernst. Nicht gut sei das Verhältnis. Nicht gut. Besonders im Moment nicht, denn täglich kämen Flüchtlingsboote an und in Madrid hält man es nicht für nötig, sich etwas zu überlegen. Er sagt, wenn diese ganzen Boote am spanischen Festland ankämen, würde längst etwas passieren! Aber hier? Sache der kanarischen Politik, die dieser Sache aber alleine auch nicht gewachsen ist. Aber diese Problematik sei auch nur eine von vielen.

Vulkanlandschaft per pedes

Früher als Spanien Unerwünschte ins Exil schickte, schickte man sie nach Lanzarote oder Fuerteventura. Hier gab es ja nichts, keine Infrastruktur, keine Einwohner, weg mit den Leuten, ab auf die Inseln, die vor Einzug des Tourismus in den 80ern völlig wertlos waren für Spanien. Häufig fühlen sich die Canarios so, als würde man auf dem Festland immer noch so über die Inseln (und ihre Bewohner) denken.

Das war wohl eine sehr ehrliche und vermutlich noch harmlose Aussage von unserem Guide. Das lässt auf jeden Fall Raum für Spekulationen. Ich hätte gerne auch noch gewusst ob es so etwas wie Rivalitäten zwischen den Inseln gibt, aber die Frage erschien mir nun unangemessen und ich vermute, dass dies auch eher nicht der Fall ist, denn wenn man so vom eigenen Land vernachlässigt wird, hält man vielleicht wenigstens untereinander zusammen?

Spannend jedenfalls, was ich heute alles gelernt habe, auch wenn ich davon nur einen Bruchteil wiedergeben kann. Hinzu kommt die Harmonie innerhalb der Gruppe. Und die tolle Landschaft, die uns zwischendurch an Big Island erinnert und gleichzeitig doch auch wieder total anders ist. Vor allem begeistert mich, wie viele Brauntöne es gibt und, dass ich das schön finden kann. Manche Abschnitte erinnern uns an Schoko-Crossies, nur eben überdimensionale und aus Lava. Am Tag nach unserer Rückkehr nach Hause werde ich… nun ja… Schoko-Crossies einkaufen… Natürlich. Lediglich an unserem Pausenplatz, am höchsten Punkt der Tour, wo wir in einer frischen Brise auf großen Steinen sitzend, Bananen und getrocknete Feigen genießen und den Blick schweifen lassen, kommt mir ganz kurz der Gedanke, dass Grün auch schön wäre… Aber wahrscheinlich ist das einfach nur die Gewohnheit, denn wenn man wandern geht und einen „Gipfel“ erreicht, blickt man ja meistens auf eine grüne Umgebung hinab.

Vulkanlandschaft per pedes

Wir begegnen ansonsten nur einem einzigen Wander-Pärchen und sonst ist keine Menschenseele unterwegs. Abgesehen von der zweiten Gruppe, die mit uns gestartet ist, sechs Franzosen plus Guide… Wenn man darauf achtet, hört man manchmal Vögel zwitschern, aber ansonsten kein Lebewesen. José zeigt uns aber Spuren von Kaninchen, die bevorzugt im Windschatten der wenigen vorhandenen Pflanzen, ihr „Geschäft Nummer 2“ erledigen, wie er es nannte. Die Spuren davon sind nur allzu deutlich sichtbar.

Wer hier alleine unterwegs ist, dem wünsche ich übrigens viel Glück. Wir sind auf Wegen gegangen, die ich nicht unbedingt als solche ausgemacht hätte. Beschilderung ist nicht vorhanden. Und doch darf man hier unterwegs sein. José hat sein GPS-Gerät immer dabei, denn selbst er, der die Gegend fast in und auswendig kennt, kommt hier manchmal in Situationen, wo er sich vertut, und das ist auf den Geröllfeldern der Fall, was ich absolut verstehen kann! Ich würde hier auch keinen Weg alleine finden, auch nicht zurück.

Und trotzdem gibt es für Privatpersonen hier keinerlei Restriktionen! Jeder kann tun und lassen was er will. Wohingegen Firmen mit ihren Gruppen, wie unserer, strenge Regeln beachten müssen. Einzelpersonen dürfen alles, Gruppen mit einem Fachleut vorne weg, nicht. Das ist wieder Logik, die keine ist.

Vulkanlandschaft per pedes

José zeigt uns Fußspuren auf einem Vulkan, die ganz frisch aussehen. Sie sind jedoch zwei Jahre alt, sagt er! Was man hier kaputt gemacht hat, bleibt kaputt. Vulkane sind so fragil und nachtragend, da verwischen Spuren nicht wie im Sand und da regeneriert sich nichts, wie bei Pflanzen! Wir sind beeindruckt und beschämt gleichermaßen, denn unsere Spezies ist ja Schuld an diesen Spuren, die die vulkanischen Strukturen für immer beschädigt haben…

Natürlich ist auch La Palma Thema. Als es dort vor zwei Jahren heftige vulkanische Aktivitäten gab, wurden die Touristen aus- und die Bewohner der anderen kanarischen Inseln eingeflogen, zumindest die „Vulkanfreaks“ unter ihnen, wie José sagte. Das war für ihn wie Weihnachten und Geburtstag gleichzeitig. „Da wurde ein Gesteinsbrocken von der Größe eines Hauses von der Lava wie eine Feder ins Meer gespült!“ erzählt er begeistert, während wir neben einem Gesteinsbrocken stehen, der gerade mal mannshoch ist und das ist für uns schon „wow“…

Ich bin versöhnt mit Lanzarote und den Touristenghettos hier! Und ich werde auch nie wieder über die Kanarischen Inseln lästern, was ich eh nie laut getan habe. Denn es ist hier ja eigentlich echt schön, wenn man die furchtbaren Hotelgebiete verlässt. Dann gibt es durchaus süße Dörfer, interessante Kultur und wunderschöne Landschaft zu erleben!

Deshalb kann ich es nun definitiv nicht mehr ausschließen, weitere Kanarische Inseln (erneut) zu besuchen!

Die Vulkanwanderung in Bildern – zum Durchklicken:

Vulkanlandschaft per pedes

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