Zurück zu Tag 8: Pico Ruivo
Mittwoch, 20. November 2024
Ausschlafen oder nicht?
Für heute hatten wir uns schlecht abgesprochen. Meine Tendenz war ausschlafen, Philipp weckt mich jedoch, wie auch in den letzten Tagen, schon vor acht Uhr – mit einer Rückenmassage. Wie könnte ich da also böse sein?
Na gut, dann eben doch wieder einigermaßen früh los, wenigstens stehen dann die Chancen auf einen Parkplatz ganz gut! Aber erstmal eine Tasse Tee auf dem Balkon mit Regenbogen-Blick! DAS werde ich sehr vermissen zu Hause… Das – und die angenehmen Temperaturen hier, angeblich sollen wir noch bis zu 27 Grad kriegen!
Aufbruch
Unsere Fahrt soll 45 Minuten Richtung Westen dauern. Es geht nach Achadas da Cruz, zwei Orte hinter Porto Moniz, welches unser Navi immer „Porto Moh-nitz“ ausspricht, welches wir meistens so kopieren weil es wirklich witzig klingt.
Und „Porto Moh-nitz“ bzw. Achadas da Cruz ist nicht gerade um die Ecke aber auch eine Standard-Entfernung, die man hier auf der Insel mal eben so fährt. Wir sind kurz vor zehn an der Seilbahnstation, wo unsere heutige Wanderung startet. Das ist noch genau die richtige Uhrzeit, um Auswahl bei der Parklücke zu haben!
Vereda da Quebrada Nova
Dies ist der Name unseres heutigen Wanderpfades. Punkt 10 Uhr beginnen wir den Abstieg, geplant ist der Rückweg mit der besagten Seilbahn. Zu Hause hatte ich von dem Wanderweg noch nichts gewusst und die Seilbahn ausgeschlossen, denn ich habe reichlich Höhenangst und es handelt sich um die steilste Seilbahn Europas mit bis zu 98% Steigung…
Gestern jedoch habe ich eine Wander-Alternative gesucht zur Königslevada und zur Caldeirão Verde Wanderung, beides Optionen, die wir noch auf dem Zettel haben, aber irgendwie sollte es dann heute doch bitte etwas kürzeres sein, denn seit gestern Abend habe ich Muskelkater in den Waden (dem Pico Ruivo sei Dank!), außerdem haben wir heute noch viel vor: Koffer packen!
Gestern Abend bin ich dann also im Internet auf diese Wanderung gestoßen und es hieß dort: Es geht stetig bergab über Stufen (Da hatte ich große Lust drauf nach dem gestrigen ewigen Bergauf!), gute Trittsicherheit nötig (kann schon nicht so wild sein!), aber auch mit Kindern machbar (das klingt nach meiner Schwierigkeitsstufe!), Abstieg ca. 45 Minuten (Einverstanden!), Rückweg mit Seilbahn (oder eben wieder zu Fuß!) möglich. Na, das klingt doch gut! Und das habe ich dann auch nicht weiter hinterfragt.
Inzwischen kann ich vorweg nehmen: „Stufen“ ist eine nette Umschreibung für das, was einen dort erwartet. Gute Trittsicherheit ist keine leere Floskel. Naja, Kinder würde ich nur mitnehmen, wenn ich sie loswerden will (oder sie in den Alpen aufgewachsen sind). Und die 45 Minuten schafft man nur als suizidgefährdeter Trail Runner!
Bis runter an den Steinstrand benötigen wir jedenfalls mal eben doppelt so lange wie die Reise-/Wander-Bloggerin, von der ich diese Tour habe. Das liegt zum Einen an dem wirklich kniffligen Weg, der durchgehend sehr schmal, äußerst uneben, mal felsig, mal steinig, mal rutschig ist, und natürlich auch daran, dass es mir ein Anliegen ist, hier aus Sicherheitsgründen nicht im normalen Gehtempo runter zu brettern. Nie zuvor bin ich so nah an einer Abbruchkante entlang gewandert, noch dazu auf so einem schlechten Weg, sogar Philipp flucht streckenweise vor sich hin weil wir an manchen Stellen nur weiter kommen, in dem wir zuvor sehr viel darüber nachdenken WIE…
Die allerwenigsten Passagen sind dürftig „abgesichert“, eigentlich ist es ein sehr mutiges Unterfangen. Doch dann wiederum überholen uns manchmal Wanderer und es kommen uns sogar mehrfach welche entgegen. Ausnahmslos alle sind offenbar geübt und ziemlich flott unterwegs. Es gibt also mit Sicherheit Menschen, die den Weg hinunter in 45 Minuten (oder so ähnlich) schaffen, wir gehören jedenfalls nicht dazu und werden es auch nie. In diesem Fall liegt es aber weniger an meiner Kondition als an der herausfordernden Beschaffenheit der Strecke.
Aufgrund des für uns unwegsamen Geländes, kommen wir auch kaum dazu, die gigantische Aussicht zu genießen, geschweige denn, diese fotografisch festzuhalten. Hinzu kommt, dass der Weg an manchen Stellen ordentlich zugewachsen ist und man sich durchaus seinen Weg bahnen muss. Einmal müssen wir uns sogar über einen kleinen frischen Erdrutschhügel hangeln. Nicht witzig! Meter für Meter schraubt sich unser Weg durch die steile Bergflanke, ein irres Panorama liegt uns buchstäblich zu Füßen.
Fazit zu dieser Wanderung: Es ist hier eindeutig sehr mühselig zu wandern und gleichzeitig ist es eine interessante Herausforderung, denn langweilig wird einem bei diesem „Hindernislauf“ bestimmt nicht und man denkt auf gar keinen Fall an auch nur irgendetwas, außer daran, auf seine Füße aufzupassen! Der Weg ist auf jeden Fall für Fortgeschrittene gedacht! Wer sich nicht in diese Kategorie zählt, sollte Abstand nehmen von dieser Route!
>>> Für totale Wanderneulinge überhaupt gar nicht geeignet! <<<
>>> Wanderstöcke unverzichtbar! Es sei denn man ist mein Ehemann. <<<
>>> Im Sommer kann Sonnenschutz sinnvoll sein.<<<
>>> Ausreichend Wasser mitnehmen, aber einkalkulieren, dass man erst unten oder oben angekommen, Zeit und Muße hat, zur Flasche zu greifen. Besser geeignet ist ein Rucksack mit Trinkblase. <<<
Zum Durchblättern: Fotoalbum Achadas da Cruz
Uphill mit der Teleférico
Es geht langsam auf 12 Uhr zu, als wir uns in die Menschenschlange an der Seilbahn einreihen. Alle wollen noch vor der Mittagspause des Seilbahnbetriebs (12-13 Uhr) hoch. Da es nur zwei Gondeln für je 6 Personen gibt, stehen unsere Chancen schlecht… Doch wir haben unfassbares Glück, obwohl es schon 12 Uhr ist als wir dran sind, fährt noch eine Gondel hoch, wir sind die letzte Gondel nach oben, alle anderen müssen unten noch eine Stunde im starken Wind verharren.
Offen gestanden, hätte ich nicht zwingend etwas dagegen gehabt, dort unten zu verweilen, es gibt einen perfekt ausgebauten, flachen Spazierweg, tolle tosende Wellen und wir haben eh noch nicht gefrühstückt aber belegte Brote im Rucksack… Und trotzdem bin ich wirklich heilfroh, dass wir mit dieser letzten Gondel noch nach oben kommen! Unsere Brote können wir auch oben essen: Auf der Terrasse des dortigen Cafés packen wir unsere Stullen aus und holen uns dazu noch einen Smoothie, etwas Süßes und mehrmals Kaffee. Hier sitzt es sich herrlich. Und wir staunen nicht schlecht, als ein Mann, den wir unten zu Fuß uphill hatten starten sehen, nach ca. einer Stunde hier oben raus kommt… Es muss also wirklich an uns mir liegen…
Das war´s mit Madeiras Norden und uns
12.40 Uhr. Wir gehen zum Auto und machen einem Parkplatzsucher eine Freude, als wir wegfahren. Mittlerweile stehen hier unfassbar viele Autos, lang die Straße hoch. Man staunt nicht schlecht, wo und wie hier überall geparkt wird und vor allem: Welchen Menschenmassen man immerzu begegnet, ganz egal wo man ist! Und das im Winter, da will ich niemals im Sommer nach Madeira kommen!!
Endlich! Die erlösende Dusche und dann die Füße hochlegen… Später die Koffer packen… Und gegen 16.30 Uhr nochmal los fahren: Essen.
Abendessen
Wir fahren zwei, drei Orte weiter zum Lokal unserer Wahl. Sagt uns nicht zu. Das nächste… Küche hat gerade zwei Stunden Pause. Zu guter Letzt landen wir mitten in Boaventura und bestellen Pizza, die ewig dauert und bestenfalls mittelmäßig schmeckt.
„Lass noch einen Absacker nehmen“
Ich bin enttäuscht über das letzte Abendessen und hoffe auf einen Absacker in der Bar unseres Mini Mercados. Wir ergattern einen schönen Platz und trinken ein Likörchen (Ginja). Ich sage, hol doch mal die UNO Karten, und bestelle uns jedem ein Bier.
Und damit nimmt der Abend seinen Lauf… Ein paar Männer am Tresen lassen sich Bier und Wein schmecken, einer von ihnen kommt immer wieder zu uns, beäugt unser Kartenspiel, wirft ein paar portugiesische Worte ein. Als er spitz kriegt, dass wir Deutsche sind, sagt er uns immer wieder „Ich spreche kein Deutsch.“ und zählt uns die sieben Karten auf Deutsch vor, die jeder zu Beginn einer neuen Runde Uno auf die Hand bekommt. Er beobachtet jedes Spiel und lacht mit uns. Ich versuche vergeblich die Zahlen 1-7 auf Portugiesisch zu lernen.
Irgendwann will er uns ein Bier ausgeben, doch wir verneinen. Später wollen wir ihm ein Bier ausgeben, doch er verneint. Trotzdem landen wir früher oder später zusammen am Tresen, zum harten Kern gehören noch zwei seiner Kumpels. Irgendwie trinken wir dann doch noch diverse Runden Likör, erst Kirsche, dann Maracuja, die Portugiesen jedoch Wein oder Bier. Der uns Zugewandte kann außerdem die Worte „Danke“ und „Prost“, beides benutzen wir alle sehr häufig, und zwar auf allen Sprachen, die uns so einfallen…
Es ist sehr lustig, doch nur einer der drei Herren spricht ansatzweise Englisch. Daher starten wir dann bald mehrere Versuche, uns zu verabschieden, doch alle misslingen. Immer wieder gibt es ein neues Gläschen. Auch einer der Männer will zwischenzeitlich (mehrmals!) gehen und wird 20-90 Sekunden später mit großen Helau wieder begrüßt, denn „einer geht ja noch!“….
Als wir dann aber wirklich, wirklich gehen wollen, verabschieden wir uns schon per Handschlag und ich frage sie alle noch wie sie heißen. Lionel und João haben zusammen gearbeitet, sind beste Amigos. Der „deutschsprachige“ Mann heißt Filipe (hat in Funchal in einem Hotel gearbeitet) – und schon gibt es kein Entkommen! Großer Aufschrei, dass sich hier Filipe und Philipp gefunden haben! Sie vergleichen sogar ihre Personalausweise um diesen wahnsinnigen Zufall der Namensgleichheit zu beweisen, denn das muss schließlich gefeiert und vor allem begossen werden!
Oh mein Gott, es ist Mittwoch Abend. Was machen wir hier? Was machen DIE hier?? Egal, Prost, Cin Cin, Cheers, usw! Weiß ich wie viele Runden Madeira-Wein später verabschieden wir uns dann schon per Umarmung, verlassen aber gleichzeitig die Bar bevor diese um … 20 Uhr (!) schließt. Der beste Freund kommt vorbei, die Männer abholen – stellt sich heraus: Es ist einer der drei! Der Vollste fährt, oder was?! Wir lachen uns scheckig während sie davon fahren.
Zum Glück wohnen sie in Ponta Delgada, mögen sie also heil ankommen! Wir stolpern nach oben und trinken auf dem Balkon lachend noch ein paar Flaschen Wasser… Was für ein wundervoller letzter Abend in Ponta Delgada!! Ob wir die Herrschaften morgen zum Kaffee wieder treffen? Oder in ein, zwei, drei Jahren noch mal wiedersehen? Es wäre uns eine Ehre!!
Sie haben uns den besten letzten Abend beschert, den wir hier haben konnten, Philipp kann jetzt (vorübergehend) „Ich spreche kein Portugiesisch“ auf Portugiesisch sagen………
Weiter zu Tag 10: Abschied von Ponta Delgada und Weiterreise nach Caniço










