Anna allein in Funchal

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Dienstag, 27. Dezember 2022

07.30 Uhr.

Der Wecker klingelt. Philipp hat einen Termin. Auch wenn mein Bus eine Stunde später fährt als seiner, stehe ich natürlich mit ihm zusammen auf, damit wir gemeinsam frühstücken können.

08.30 Uhr.

Philipp wird vor dem Hotel von seiner Wanderführerin abgeholt und ich habe noch etwas Luft.

09.30 Uhr.

Jetzt fährt auch mein Shuttle nach Funchal. Diesen bietet das Hotel (kostenlos) drei Mal täglich hin und zurück an. Ich probiere das heute einfach mal aus und werde mal schauen wie mir die Inselhauptstadt so gefällt. Vielleicht habe ich ja eh wieder viel zu hohe Erwartungen und kann das Philipp ersparen die Tage…

Praça do Povo

10 Uhr.

Die Fahrt hat vielleicht 20 Minuten gedauert. Der Busfahrer hat flotte portugiesische Musik aufgelegt, gute Laune verbreitet und uns Hotelgäste direkt an der Seilbahnstation von Funchal abgesetzt. Das ist ziemlich zentral, wenn auch eher im östlichen Teil der Stadt. Aber gleich um die Ecke befindet sich eine ganz berühmte Straße, ich würde eher sagen Gasse: Die Rua de Santa Maria!

Heute Morgen ist hier fast noch nichts los. Keine Tische oder Stühle vor den Lokalen, nur ganz vereinzelte Touristen, eher Bauarbeiter oder Müllmänner, die schnell durch eine der wenigen offenen Türen verschwinden, hinter denen es einen schnellen Bica (den portugiesischen Espresso) gibt. Am Liebsten würde ich genau da auch hinein verschwinden, denn da kann ich sicher sein, dass es keinen Touristenmist gibt sondern echtes portugiesisches Gebräu und faire Preise. Aber die Rua de Santa Maria ist einfach so hübsch und ich möchte am Liebsten alles auf einmal sehen: Denn jede einzelne Tür ist fantasievoll bemalt! Und nicht nur Türen, teilweise auch Tore, Fenster, jegliche Eingänge sind kunstvoll verziert. Das ist Street Art, die ich mag, denn es ist nichts hässliches Hingeschmiertes sondern die Bilder sind von Menschen gemalt, die ihr Handwerk offenbar beherrschen und damit mitunter Geschichten erzählen können. Jede Tür ein Unikat.

Erst vor rund zehn, elf Jahren wurde diese Straße nach und nach in eine Art kostenloses Open Air Museum verwandelt. Touristen hielten sich eher direkt am Meer auf als in den verlassenen, teils verfallenen Altstadtgassen. Inzwischen gibt es hier mehr als 200 Kunstwerke zu bestaunen und Touristen kommen definitiv wieder her! Ich gehöre ja selbst dazu! Und ich kann es auch nur empfehlen! Aber tatsächlich macht es morgens mehr Sinn, zumindest wenn man ungestört fotografieren will. Spätestens ab der frühen Mittagszeit macht man hier Geschäfte, dann ist man ganz und gar nicht mehr ungestört…

die Rua de Santa Maria ist berühmt für ihre "Kunstwerke"

Am Ende der Rua de Santa Maria stehe ich an einer Hauptstraße und wende mich nach rechts. Ich weiß, dass es nun nur noch etwa 50 Meter bis zur Markthalle von Funchal sind. Selbstverständlich habe ich mir zuvor auf Google Maps einen groben Überblick verschafft, was ich eventuell sehen möchte und wie lang die Strecken innerhalb Funchals überhaupt sind, nicht dass ich mich zu weit weg begebe und den Bus zurück zum Hotel verpasse.

Der Mercado dos Lavradores ist eigentlich ein Obst-, Gemüse-, Fisch- und Blumenmarkt für Einheimische, doch die Markthalle ist bei Touristen ebenfalls extrem beliebt. Nicht nur, dass man hier eine beeindruckende Auswahl an exotischen Früchten bestaunen und fotografieren kann, es gibt natürlich auch etliche Souvenirstände und die Fischhalle ist im Moment sehenswert weihnachtlich geschmückt! Entsprechend viel Deutsch höre ich, zu meinem Bedauern, um mich herum!

Draußen direkt an der Markthalle, finde ich aber ein schattiges Plätzchen, um mich herum nur Portugiesen, wo ich mein Buch auspacken und einen Bica bestellen kann. Einzig und allein die Tauben unter dem Tisch und zwischen meinen Füßen stören mich hier, sodass ich nicht allzu lange bleibe. Für einen Bica und ein Pastel de Nata will die Bedienung gerade mal zwei Euro haben. Eine Millisekunde bin ich geneigt, doch noch zu bleiben und einfach noch mal das gleiche zu bestellen…

♥ Bica & Pastel de Nata ♥

Auf der anderen Straßenseite geht es direkt in die Fußgängerzone. Schnell finde ich einen süßen kleinen Laden für ein erstes hübsches Souvenir für Mama, nicht aus einem typischen Tourishop. Bis zur Kathedrale sind es von hier nur 500 Meter aber ich schlendere vor mich hin und lasse mir Zeit. Inzwischen ist es ganz schön warm geworden und mich nervt meine lange Hose genauso wie die Weste und die beiden Jacken, die ich vorsichtshalber mit mir rumschleppe, abwechselnd auf der linken und rechten Schulter, in meiner großen Handtasche…

Daher mache ich in der Kathedrale auch direkt eine Pause, setze mich auf eine Bank und lausche dem Orgelspiel… Wie „alle“ Kathedralen in Portugal heißt die von Funchal übrigens auch „Sé“. Mit ihrem Bau wurde um 1500 begonnen, somit ist es die älteste Kirche der gesamten Insel. Zwölf verschiedene Sorten Vulkangestein hat man hier verbaut.

Nochmal etwa 500 Meter weiter gelange ich zum Santa Catarina Park. Auf dem Weg dorthin passiere ich einen kleinen Weihnachtsmarkt, der aber überwiegend noch nicht geöffnet hat. Es handelt sich um ein paar süße Buden im Weihnachtssterne-Look, die man grob gesagt zwischen der Kathedrale und der Banco de Portugal nacheinander, wie Perlen an einer Schnur, platziert hat. An jeder Bude steht dran, was es dort gibt. Das meiste verstehe ich nicht aber ich komme später sicherlich noch mal hier her wenn sie geöffnet haben.

Im Santa Catarina Park setze ich mich erst mal auf eine Bank. Es sind jetzt über 20 Grad und ich schleppe zu viel Zeug mit mir herum. Neben den Klamotten ja letztlich auch noch mein Buch und was zu trinken. Zeit also für eine Pause zwischen Vogelgezwitscher und Meerblick. Denn der Park liegt deutlich erhöht, ich muss ein paar Treppen überwinden. Dafür kann man dann wunderbar auf den Hafen hinab schauen während im Park ganz schön gearbeitet wird: Vor allem wird Rasen gemäht und eine Bühne aufgebaut. Noch komme ich nicht darauf, dass diese für die Silvesterfeier hier platziert wird.

Santa Catarina Park

Irgendwann suche ich mir den Weg hinunter an den Hafen und stelle fest, dass es von hier aus nicht mehr weit ist zum Hotel und Museum von Ronaldo. Auf dem Weg dorthin begegne ich unzähligen Kreuzfahrern, die heute die Stadt fluten. Ein älteres Ehepaar bittet mich, sie zu fotografieren.

Ich schaue mir Hotel und Museum nur von außen an, fotografiere Ronaldo´s Statue davor und beschließe, dass ich die Ecke hier etwas unattraktiv finde. Ich kann das gar nicht so richtig an irgendetwas festmachen aber es zieht mich wieder zurück Richtung Innenstadt. Schließlich wollte ich ja vielleicht auch noch zur Madeiraweinprobe. Ich schlendere also grob in die Richtung, ohne zu merken, dass ich mich völlig vertue. Als ich es dann doch irgendwann merke, ist es mir aber herzlich egal, denn ich bin inzwischen in einer Ecke der Stadt, in der offenbar keine anderen Touristen rumlaufen, sondern insgesamt sehr wenige Menschen und wenn, dann ist es ein Postbote, jemand, der seinen Hund ausführt oder ein Gärtner, wie jener, dem ich auf dem Englischen Friedhof, auf den ich einen kurzen Blick werfe, begegne.

Ich entdecke ein süßes Eck-Café („Snack Bar“) und setze mich draußen an einen Tisch direkt an der Straße. Der junge Mann hier spricht fast kein Englisch und schlägt mir auf meinen vegetarischen Wunsch hin „Toast with ham and cheese“ vor… Aber ich kann ihn davon überzeugen, dass mir „cheese“ genügt. Dazu bitte einen Bica und nen halben Liter Wasser. Am Ende will er 3,10 Euro haben… Ich LIEBE dieses Land!

Snack Bar

Erstaunlicherweise muss ich nur zweimal links abbiegen um auf der nächsten stark befahrenen Straße zu landen, die mich relativ flott in ein zentrumnahes Shopping Center führt. Dort verbringe ich nun auch geraume Zeit in einem Klamottenladen sowie in dem Supermarkt im Untergeschoss. Ich liebe Supermärkte im Ausland. Alles ist so anders als zu Hause – und doch gleich. Und die Preise sind viel attraktiver als an den touristentypischen Spots – wenn auch meist höher als daheim. Das billigste Deo (für Frauen), das ich finde kostet über 4 Euro. Aber es hilft nichts!

14.15 Uhr.

Ich komme aus dem Shopping Center und stelle fest, dass ich wieder in der Nähe des Santa Catarina Parks bin. Und dort startet, wie ich weiß, um halb drei eine kostenlose Stadtführung (auf „Spenden“basis). Ob ich es wohl mal versuche ohne Voranmeldung? Ich ächze erstmal die Stufen zum Treffpunkt hoch, brutzle ein wenig in der Sonne, doch bald kommt dann auch die Stadtführerin, die ich an ihrem Schirm erkenne, und ich spreche sie direkt an. Sie rollt mit den Augen und scheint überhaupt nicht begeistert, jemanden ohne Voranmeldung mitzunehmen, willigt aber ein. Das finde ich seltsam… Entweder es geht, dann braucht es auch kein Augenrollen. Oder es geht nicht, dann sagt man das.

Ich frage noch mal vorsichtshalber, wie lange die Tour dauert. Zum Glück: Denn es sind zweieinhalb Stunden und das würde ich nicht schaffen. Erstens konditionell, weil ich heute schon so viel unterwegs gewesen bin, und zweitens hinsichtlich des letzten Busses zurück zum Hotel! Der geht nämlich um fünf. Ich bedanke mich freundlich und gehe meines Wegs. Soll sie doch schön mit ihren Voranmeldungen loslaufen. Was war DAS denn???

Also schlendere ich lieber gemütlich und in meinem Tempo zurück Richtung Weihnachtsmarkt, schaue mir an, was dort so verkauft wird, es ist zu 99% kulinarisch, und statte der Touristen-Info einen Besuch ab.

Weihnachtsmarkt Funchal

Nun wird es Zeit für die Meerespromenade von Funchal. Die berühmte Avenida do Mar erstreckt sich grob gesagt vom Santa Catarina Park bis zur Praca da Autonomia. Beides sehr gut zu erkennen. Hier ist natürlich eine Menge los. Portugiesen wie Touristen sind hier unterwegs, denn es gibt Weihnachstdeko, Bars mit Meerblick, dampfende Kastanien-Stände, jede Menge Ausflugsboote, Haltestellen von Bussen, vor allem Touristenbussen, und diverse Punkte zum Verweilen.

Einen dieser Touristenbusse fasse ich hier auch tatsächlich für morgen ins Auge. Eigentlich hatte ich Philipp Funchal zeigen und mit ihm nach Monte hoch fahren wollen aber mein Hauptanliegen wird schnell das Fischerdorf Camara de Lobos bzw. die Steilklippen des Cabo Girao. Hatte ich sie bisher für unerreichbar gehalten (ohne Mietwagen), stelle ich nun fest, dass es einen Hop on Hop off Bus gibt, der bis dort raus fährt, eine ganze Ecke westlich von Funchal und somit in entgegen gesetzter Richtung zu unserem Hotel. Ziemlich zufrieden, und natürlich zunehmend k.o., schlendere ich also noch die Avenida do Mar Richtung Praca da Autonomia ab, denn von dort ist es nur noch ein Katzensprung bis zu meinem Bus.

Am Ende der Avenida erwartet mich noch ein Rummel mit diversen Fahrgeschäften direkt am Meer. Ziemlich groß sogar. Und ich bekomme noch die Gelegenheit, für ganz kleines Geld, einen echten Bolo de Caco zu probieren! Das ist ein portugiesisches rundes Fladenbrot und in der Classic Variante, wie ich sie probiere, ganz schlicht mit Knoblauchbutter bestrichen. Köstlich!! Andere Varianten bieten auch etwas mehr Füllung, zum Beispiel Chourizo-Wurst.

Als die Avenida do Mar endet, gehe ich die Promenade am Meer weiter. Auf Höhe der Bushaltestelle befindet sich der Green Lighttower, den ich als Fotomotiv wähle um die letzten Minuten vor der Rückfahrt zum Hotel zu vertreiben.

Meerblick

16 Uhr.

Ich fahre eine Stunde früher als ursprünglich geplant zum Hotel zurück. Der Tag war einfach fantastisch und ich möchte es mir jetzt nicht zu anstrengend machen indem ich die letzte Stunde noch wahllos irgendwo vertrödele. Aber: Wow! Funchal gefällt mir soo gut! Die Stadt hat eine angenehme mittlere Größe und ist so schön anzusehen, hat super interessante Ecken, ich bin längst noch nicht fertig mit ihr!

16.30 Uhr.

Philipp ist noch nicht im Hotel. So kann ich zuerst duschen und schon mal ein bisschen durchatmen.

Er lässt aber auch nicht lange auf sich warten und erzählt wirklich begeistert von seiner Wanderung. Gleichzeitig ist er aber auch sauer auf den Reiseleiter, der mir die Tour madig gemacht hatte, denn die Horrorstories passten so gar nicht! Es war einfach nur schön, wenig anstrengend und ich hätte es locker geschafft… Das werde ich in den nächsten Tagen (und Wochen und Monaten…) noch diverse Male hören…

Aber! Ich habe nichts zu bereuen! So schade es auch ist, dass ich nicht mit wandern war, was auf Madeira, der Wander-Insel schlechthin, eigentlich ein No Go ist… So glücklich bin ich auch, den Tag (allein) in Funchal verbracht zu haben.

Meerblick

18.30 Uhr.

Heute nehmen wir unsere Reservierung im Kulinarium wahr und genießen ein sehr exquisites 3-Gänge-Menü:

In meiner veggie Variante sind das ein Salat mit gratiniertem Ziegenkäse, ein Quinoagericht mit verschiedenem Gemüse und ein Brownie mit Beeren – natürlich optisch alles elegant angerichtet.

Für Philipp gibt es den besten Sea Food Salat, den er je gegessen hat, als Vorspeise, dann den besten Thunfisch, den er je gegessen hat, auf Reis. Und ebenfalls den Brownie.

Abgerundet wird das ganze durch, wieder mal, exzellenten Wein, und sogar einer Menge Gespräche, denn wir haben uns natürlich viel zu erzählen, nachdem wir den Tag getrennt verbracht haben. Das wollen wir jetzt immer so machen, einen Tag pro Urlaub getrennte Wege gehen, das ist durchaus auch interessant!

Bis 21 Uhr schauen wir uns dann noch die Live Band an bevor wir einen äußerst gelungenen Tag beschließen.

Funchal in Bildern – zum Durchklicken:

Meerblick

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