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Sonntag, 25. August 2024
Eine kleine Flaute zu Beginn des Tages
Wir gehen gerne bei Target [!keine Werbung!] einkaufen, dort gibt es, wie in fast allen unserer Lieblingsläden in den USA, Markenware zu stark reduzierten Preisen. Allerdings nicht nach Marke sondern nur nach Preis sortiert, und natürlich hängen Hosen nicht zusammen mit T-Shirts, ein gewisses System gibt es schon. Aber es ist eben Glücksache ob das Teil, das einem gefällt, in mehreren und vor allem in der richtigen Größe vorhanden ist und dann auch noch wo es sich versteckt hat. Wir freuen uns schon auf das übliche Chaos!
9.15 Uhr. Wir sind auf dem Weg zu einer dieser Filialen, es sind vom Hotel aus zu Fuß vielleicht fünfzehn Minuten. In amerikanischen Großstädten macht uns das aber nichts aus, mit ein bisschen Vorbereitung weiß man immer, es sind so und so viele Blocks in die eine Richtung und dann ggf. noch so und so viele Blocks in die andere Richtung. Ruck zuck.
Und hier in der Ecke waren wir auch noch gar nicht, der Laden ist nicht weit weg von einem kleinen Gewässer, wo einige kleinere Boote liegen, die man z.B. für einen Tag mieten kann. Dieser sogenannte Ogden Slip scheint ein Seitenarm des Chicago River zu sein. Doch bevor wir hier entlanggehen, müssen wir feststellen, dass die gewählte Filiale ihren Schwerpunkt auf Lebensmittel und Drogerie legt und deshalb keine Umkleidekabinen und sowieso nur einen winzigen Bereich für Kleidung hat. Das haben wir auch noch nicht erlebt!
„Wer einen Fluss überquert, muss eine Seite verlassen.“ – Mahatma Gandhi
Wir wollen deshalb unbedingt als nächstes zu Ross [!keine Werbung!], die sind mir wirklich von allen noch am Liebsten, wenn ich raten sollte, würde ich sagen, dort werde ich immer am Ehesten fündig! Vom Ogden Slip zum gewünschten Geschäft sind allerdings noch mal anderthalb Kilometer und inzwischen sehen wir das weniger entspannt als eben noch beschrieben, denn Chicago quält uns wieder mit einer unsäglichen Sommerhitze!
Wir überlegen uns was anderes: Statt die Strecke auf direktem Weg zu gehen, suchen wir uns lieber einen noch unbekannten Umweg aus, sodass wir noch einen Kilometer mehr zu laufen haben. Bekloppt, oder? Aber nicht für uns: Wir gehen das erste (und einzige) Mal in diesem Urlaub über die Franklin D. Roosevelt-Brücke, welche an sich wirklich kein Highlight ist, sie ist mehrspurig und normalerweise stark befahren, aber heute ist sie gesperrt und polizeiüberwacht, wir sind uns ziemlich sicher, dass das mit dem Triathlon zu tun hat. Für uns hat das den Vorteil, dass wir ohne ohrenbetäubenden Lärm vorbeirasender Auto hier lang gehen können.
Und zwar: Kommen wir dadurch an das East End des Chicago Riverwalks! Nun können wir von der Franklin D. Roosevelt Bridge bis zur DuSable Bridge = Michigan Avenue laufen, was exakt dem Abschnitt des Riverwalks entspricht, auf dem wir noch überhaupt nicht unterwegs waren! Zugegeben: Es ist viel zu heiß hier heute in der gleißenden Sonne und dieser östliche Abschnitt des Riverwalks ist, verglichen mit dem Westteil, fast schon unspektakulär, natürlich auf einem hohen Niveau gejammert. Aber die architektonisch noch spannenderen Gebäude befinden sich wirklich zwischen DuSable Bridge = Michigan Avenue und dem West End des Riverwalks!
Ein paar politisch angehauchte Gedanken
Kurz vor unserem ersehnten Laden sitzt ein Mädchen, ich kann sie nicht mal als junge Frau bezeichnen, mit einem Neugeborenen und einem Pappschild. Wie viele andere Menschen, die wir schon gesehen haben, hat sie zwar einen Becher (für) Münzen vor sich stehen, aber geschrieben steht immer und auch jetzt hier, dass Hilfe benötigt und ein Job gesucht wird. Es geht nicht ausschließlich um ein bisschen Wechselgeld oder einen billigen Burger, es wird wirklich grundsätzlich um Jobs bzw. Hilfe im Allgemeinen gebettelt/gebeten.
Es ist erstmal ein scheiß Gefühl an ihr vorbei und direkt in den Konsumtempel zu stolpern. Ich mache mir sowieso schon die ganze Zeit meine Gedanken, was hier los ist: Teilweise stehen an den Straßenecken junge Frauen, denen man es überhaupt nicht ansehen würde, dass sie es nötig haben, und bitten immer und immer wieder per Aufrufe um einen Quarter oder eine Kleinigkeit für ihre Kinder. Und Thank you so much und Have a nice day und natürlich God Bless you, egal ob sie was kriegen oder nicht.
Und am weitesten verbreitet sind Mütter mit ihren Kindern, manche kleiner, manche größer, und sie versuchen Süßigkeiten zu verkaufen. Von ihnen bin ich am meisten irritiert, denn die Kinder haben alle grundsätzlich irgendeine Art Bildschirm in der Hand, wenn sie auch sonst alle nicht unbedingt gepflegt wirken, ein Tablet oder Smartphone ist immer dabei…
Man kann wirklich nur spekulieren. Amerika hat generell viele Homeless, aus den unterschiedlichsten Gründen. Aber gerade in einem Staat wie Illinois gibt es einfach auch unglaublich viele Flüchtlinge. Wir haben das letztes Jahr in Colorado bzw. eigentlich speziell in Denver schon festgestellt, aber erst viel später verstanden. Nicht ausnahmslos alles ist der Coronapolitik zuzuschreiben, denn wir dachten, alle haben dadurch ihren Job verloren, sind auf der Straße gelandet, Erklärung gefunden.
Offenbar werden die USA aber von Flüchtlingen überschwemmt, insbesondere die Staaten im Süden, allen voran Texas hat die Schnauze voll und bringt diese Menschen dann in Städte wie New York, Denver, Chicago etc., eben demokratische, nicht republikanische, Großstädte. Und das nächste Thema, aber es hakt wahrscheinlich in die o.g. Problematik direkt oder indirekt ein, bzw. die nächste Frage ist ja, ob es vielleicht auch einfach organisierte Banden sind, aber der Kern des ganzen oder der Ursprung ist ja dennoch im Zweifel der selbe…
Abkühlung erforderlich
Es ist purer Zufall, dass wir nach dem erfolgreichen Ross-Shopping um die Ecke biegen und die Magnolia Bakery [!keine Werbung!] erblicken! Wer Sex and the City kennt, kennt die Bakery aus New York!
Wir gehen hinein und genießen die Kühle! Mittlerweile haben wir uns wieder an die extrem stark klimatisierten Innenräume gewöhnt und wissen sie zu schätzen! Auch wenn es maßlos übertrieben wird und man beim Rausgehen die knapp über 30 Grad grundsätzlich als 45 Grad empfindet…
Wir machen hier eine richtig lange Pause mit Kaffee (aber trotzdem „hot, please“!) und Banana Pudding, was die Spezialität der Bakery ist! Eigentlich könnten sie beinahe alle anderen Puddings und Gebäckteile aus dem Sortiment nehmen und würden vermutlich trotzdem überleben, denn der Banana Pudding ist nicht nur nicht ganz günstig sondern auch extrem lecker! Man muss sich das ein bisschen vorstellen wie ein sehr sahniger und sehr, sehr bananiger Kuchen verrührt und gekühlt im Becher! Und das auf einem bequemen Plätzchen am Fenster, während der Laden nicht übertrieben voll ist! Da kamen wir genau im richtigen Moment.
Die Sache mit den Fitting Rooms
Nur 200m weiter finden wir einen TJ Maxx [!keine Werbung!], in Deutschland heißt es TK Maxx [!keine Werbung!], es ist eigentlich das gleiche. Wir finden beide ein paar Teile, aber keine Umkleidekabinen! Egal wie viele Runden wir durch den riesigen Laden drehen. Schade, ganz umsonst die vielen Kleiderstangen durch“geblättert“…
Eine Etage tiefer gibt es noch einen ganz ähnlichen Laden, auch hier suchen wir uns Klamotten raus, nur um dann erneut keine „Fitting Rooms“ zu finden. Ich frage daher einen Mitarbeiter, dieser guckt mich an als hätte ich ihn gefragt ob heute noch Schnee zu erwarten ist…
Nein, natürlich gibt es hier keine Umkleiden!! Bitte was? Kaufen die Leute den Krempel einfach auf Verdacht und wenn es dann nicht sitzt, werfen sie es wieder weg? Oder bringen sie es zurück? Geht das wenn alles heruntergesetzt ist? Ich bin ein bisschen sprachlos und leicht schockiert, denn SO billig ist der Kram nun auch wieder nicht!!
Gegenüber ist dann noch mal ein Target [!keine Werbung!], ein ziemlich großer sogar. Und es gibt Umkleidekabinen. Bedauerlicherweise benötige ich hier aber gar keine, denn ich finde lediglich einen schönen Thermobecher. Wenigstens Philipp findet wieder mal einen Schwung T-Shirts.
Meine Meinung zur “Windy City“…
Draußen wird die Hitze langsam unerträglich. Dabei trägt Chicago als Spitznamen den Titel „The Windy City“. Ich hatte mir monatelang ausgemalt wie es hier immer durch die Straßen pfeift, bei diesem Schachbrett geht es ja immer lange schnurgerade aus, für Windzug optimal. Halsschmerzen und Augentränen habe ich erwartet. Und vielleicht auch, dass ich hin und wieder eine Jacke brauchen würde…
Ich sag dir mal wo hier Wind weht! Nirgends weht hier Wind! Nicht einmal am Chicago River oder am Lake Michigan, oder wenn, dann gleicht er einem heißen Saharawind! Aber die Luft steht in der Regel, es gibt fast nur Beton, die Hitze wird durch viele Glasfronten verstärkt, die Autos und Menschenmassen tun ihr Übriges dabei. Der einzige Wind, den ich vernehme, ist wirklich der vom L Train, als wir dessen Verlauf, die State Street entlang folgen.
In Chicago gibt es keine Metro, hier geht man in erster Linie zu Fuß und wenn man doch mal einen fahrbaren Untersatz braucht, springt man in den nächsten Bus (oder bestellt sich ein Uber). Nur in ganz seltenen Fällen, und für Touristen eigentlich nur auf dem Weg von und zum Flughafen, bzw. wenn man aus welchen Gründen auch immer, mal das sichere Zentrum verlassen muss, kommt möglicherweise die „Chicago Elevated“, kurz: der L Train, ins Spiel! Dieser fährt -24h am Tag- überwiegend als Hochbahn, streckenweise (selten) auch als U-Bahn, durch die Stadt.
Im Stadtzentrum von Chicago, worunter ich Streeterville und den Loop fasse, findet man auch ein paar L Trains, mit Abstand am Meisten aber im Loop! Und das meine ich, als ich eben erwähnte, dass wir dem Verlauf eines L Trains nun zu Fuß folgen, es handelt sich um die Red Line in der State Street, die wir den ganzen Weg runter bis zur Van Buren Street hinunter laufen. Eigentlich haben wir langsam mal Hunger und sind eigentlich auch genug gelaufen, aber ein festes Ziel haben wir schon noch! Wüssten wir im Vorhinein, wie beschwerlich die kommende Stunde würde, hätten wir von unserem Vorhaben abgesehen.
Clarence F. Buckingham Memorial Fountain
Philipp ist immer auf der Suche nach Motiven oder Schauplätzen, die er aus Film und Fernsehen kennt. Weshalb ich nach wie vor erstaunt bin, dass er Chicago und nicht New York ausgesucht hat. Aber er scheint nach und nach fündig zu werden, auch wenn ich da nicht mitreden kann, aber ich höre gelegentlich etwas von Spiderman und anderen Dingen, von denen ich nichts verstehe.
Ein Top-Favorit von ihm für diese Reise war auf jeden Fall der Buckingham-Brunnen im Grant Park. Ich erwähnte ihn schon im Zusammenhang mit unserem Besuch auf dem Willis Sears Tower. Dieser Brunnen kommt in der Titelsequenz von „Eine schrecklich nette Familie“ vor. Muss ein markantes Bauwerk sein, denn später werden wir beide Nachrichten von Freunden erhalten, die den Brunnen in unserem Status sehen und sofort der Serie zuordnen und uns begeisterte bis neidische Kommentare schicken…
Auf jeden Fall aber ist es ein weiter Weg zum Brunnen, selbst das letzte kleine, kurze Stück vom Ostende der Van Buren Street dauert zehn Minuten durch die gleißende Sonne auf ungemütlichem Beton. Laut Karte würden wir hier eigentlich durch eine kleine Grünanlage, dem North Presiden´s Court, gehen, das hatten wir uns ganz nett vorgestellt, aber hier gibt es weit und breit keine Pflanze und auch kein Lebewesen, so eilig wie wir noch können, lassen wir eine (weitere) Abraham Lincoln Statue buchstäblich links liegen, überqueren den stark befahrenen Columbus Drive und endlich sind wir da!
Ich bin ein bisschen entsetzt, ich hatte es mir hier so ganz anders vorgestellt! Es ist einfach eine unendlich große Asphaltfläche, gleißend heiß weil gänzlich ohne Schatten, ein eigentlich gigantisch großer Brunnen wirkt irgendwie verloren auf dieser Fläche, weit und breit kein Mensch, zumindest sobald das Brautpaar mit ihrem schwitzenden Gefolge das Foto-Shooting beendet hat, und am Rande, da hinten irgendwo, gibt es ein mexikanisches Bistro mit Speisen „to go“.
Wollen wir nun auch noch den DuSable Lake Shore Drive irgendwie überqueren? Direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite, unmittelbar am Lake Michigan, befindet sich nämlich ein weiterer großer Platz, „Queen´s Landing“, und da ist heute High Life in Tüten! Der Chicago Triathlon wird dort gefeiert, es ist der Zieleinlauf und drum herum Party ohne Ende!
Da wir aber nicht wissen was uns genau erwartet hinsichtlich Eintrittsgebühr, Verpflegungsoptionen und Schattenplätzen, entscheiden wir uns dagegen, denn vielleicht ist die Veranstaltung sowieso bald zu Ende, der Tag ist schließlich schon weit voran geschritten. Aber noch viel schlimmer: Philipp ist kurz vorm Hitzschlag, wenn wir nicht bald Wasserflaschen-Nachschub organisieren können, wird es eng! Und vor allem muss der Mann aus der Sonne raus, aber wir merken, das gestaltet sich hier schwierig! Ich benötige hier möglicherweise bald Unterstützung zur Situationsbewältigung…
Für heute reicht es
Die rund zwei Kilometer zurück zur Mag Mile ziehen sich. Wir wollen zu einem bestimmten Laden, wo wir wissen, dass wir es kühl haben und etwas Gesundes zu essen bekommen werden. Doch bis dahin müssen wir schlichtweg durchhalten! Mir selbst geht es nicht so schlecht wie Phil, ja, es ist sehr anstrengend, aber er leidet doch bedeutend mehr und rechnet inzwischen selbst damit, gleich lang hin zu schlagen. Kein gutes Zeichen!
Endlich in der „Protein Bar“ [!keine Werbung!] angelangt, schlagen wir zu! Hier gibt es tolle Salate und Bowls, wir kennen diese Kette zwar noch nicht, waren aber begeistert als wir sie vor ein paar Tagen entdeckten, und sind es auch jetzt, denn es schmeckt sehr gut und vor allem entkommen wir hier der Sonne, können schön sitzen und mit Geschmack versetzte Flüssigkeit in uns rein kippen.
Selbstverständlich nehmen wir nun einen Bus zum Hotel, wir wollen wirklich nicht noch neun Blocks die Michigan hochlaufen…
Vor die Tür gehen wir nach einer ausgiebigen Hotelpause aber trotzdem nochmal! So selten mein Bierdurst ist, so ausgeprägt ist er gerade, und ich glaube das ist allein der Tatsache, dass wir einen Block entfernt einen Irish Pub haben, geschuldet. Und es wird tatsächlich ein voller Erfolg! Das lokale Bier aus Chicago, ein frisches Blondes, schmeckt übertrieben gut, die Garlic Fries dazu sind auch nicht verkehrt, und die Bedienung wirklich toll! Und so beschließen wir, hier noch einmal her zu kommen und dann auch richtig hier zu essen, denn die Karte ist vielversprechend weil abwechslungsreich, erstaunlich vegetarisch und sogar endlich mal preislich angemessen!
Der Stadtteil LOOP in sehr vielen Bildern – zum Durchblättern:
Gelaufene Kilometer heute: Messbare Wegstrecke 7,8km
zzgl. etlicher Wege innerhalb Hotel und Geschäfte
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