Castelo do Neiva nach Viana do Castelo

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Viana do Castelo zum Greifen nah

Freitag, 21. März 2025

„Mein Weg ist mein Weg“ – Klaus Hoffmann

Wanderetappe Castelo do Neiva nach Viana do Castelo ca. 11 km

Gehzeit ca. 02h30, Pausenzeit ca. 8min

Raus aus der Routine

Nachdem wir die letzten Tage immer ab sieben oder halb acht Frühstück bekommen haben, gibt es hier in der Quinta erst ab neun Uhr etwas. Da wir aber bis halb neun immer unser Gepäck abgeben müssen, ist heute ein bisschen eine andere Sortierung und Reihenfolge gefragt. Dafür erwartet uns dann aber auch ein grandioses Frühstück, welches wir eine geschlagene Stunde lang auskosten, was aber auch daran liegt, dass wir heute mal beim Frühstücken auf Marianne treffen und uns ausgiebig austauschen.

Das Frühstück an sich ist schon denen in den vorigen Tagen ähnlich aber es ist alles sehr viel hochwertiger, der Kaffee ist genießbar und es gibt zusätzlich zu dem Üblichen endlich mal Gurke, Paprika und frischen Orangensaft. Herrlich! Wüsste ich jetzt schon über den Verlauf des weiteren Tages Bescheid, hätte ich das Frühstück sogar noch weiter ausgedehnt, denn es sollte mein Tageshighlight bleiben, zumindest bis zur nächsten Mahlzeit… Aber der Reihe nach!

Welcher Weg ist der richtige?

Dauerregen-Etappe auf Asphalt

Die reguläre Routenführung des Caminho portugues da Costa führt heute, trotz des Namens, leider nicht unmittelbar an der Küste entlang, wie auch gestern schon nicht. Marianne hat den Weg daher gestern ignoriert und hat sich am Meer entlang ihren eigenen Weg gebahnt und dies auch sehr genossen, was ich mir angesichts des Windes und Regens nur schwer vorstellen kann. Heute plant sie das genauso und schwärmt uns von der schönen Küstenlandschaft gestern vor, trotz des Wetters! Sie schickt uns ihren heutigen Routenplan aufs Handy und wir überlegen.

Der markierte Weg ist natürlich einfacher zu finden durch die gelben Pfeile und außerdem kann ich da bestimmt besser Pausen machen weil es ja fast immer irgendwo eine Einkehr- und Stempelmöglichkeit gibt. Andererseits ist der Küstenweg komplett flach und eben, das ist für mich heute auch nicht zu verachten. Was also tun? Vor allem bei dem Wetter?

Dauerregen-Etappe auf Asphalt

Ich bin reichlich überfragt, insbesondere weil mein linker Fuß mir nach wie vor unmissverständlich klar macht, dass er am Besten gar nicht mehr gehen möchte. Immer wieder kommt mir ein Satz in den Sinn, den ich gestern Abend noch in Rudolf Schenkers Biografie gelesen habe: „In solchen Augenblicken, in denen man nicht mehr selbst die Kontrolle über die äußeren Umstände hat, muss man ruhig bleiben und die neue Situation annehmen, wie sie ist, ohne in die Bewertung zu gehen.“

Ich frage mich immer wieder, wie ich diese Situation bitte annehmen soll, wenn ich doch von A nach B kommen muss. Schon an Wandertag #5 derart zu schwächeln, kratzt gewaltig an meinem Ego. Ich hatte mit Konditionsproblemen und Blasen an den Füßen gerechnet aber nicht damit, dass die Bänder mich ärgern!

Freitag, 21. März 2025

Beim Auschecken frage ich dann, welche Wegvariante die Dame des Hauses für eine Fußkranke empfiehlt. Oh, da hätte sie eine Idee, viele Pilger gehen nämlich weder den ausgewiesenen Weg, noch die unmittelbare Küste, von hier nach Viana do Castelo! Ich solle es ihnen gleich tun und einfach immer geradeaus gehen auf der Hauptstraße aus dem Ort raus, dann käme ich auch nach Viana, spare mir aber mindestens drei Kilometer.

Tropfen für Tropfen zum Ziel

Und so soll es sein! Ich wähle die empfohlene, kürzeste Route, während Philipp den echten Caminho weitergeht und auch nochmal betont, dass ich ja jetzt schummeln würde… Mitgefühl und Motivation sind echt seine Stärke!

Dauerregen-Etappe auf Asphalt

Ich sammle mich aber bald wieder und lege bereits nach anderthalb Kilometern ein Päuschen in einer Bushaltestelle ein, obwohl ich den Ort noch nicht mal verlassen habe, aber mein Fuß muss unbedingt mal hochgelegt werden. Noch weiß ich zum Glück nicht, dass dies auch die letzte Möglichkeit dazu darstellt!

Denn der weitere Weg, übrigens konsequent im strömenden Regen, geht wirklich ausschließlich an und auf der Hauptstraße geradeaus, nur unterbrochen von ein paar Kreiseln. Außerorts auf einer vielbefahrenen Straße spazieren zu gehen, ist auch mal eine Erfahrung. Keine, die ich empfehlen kann. Aber eine Erfahrung.

Dauerregen-Etappe auf Asphalt

Je nachdem in welchem Moment mich ein entgegenkommender Autofahrer erwischt, sieht er mitunter ganz unterschiedliche Bilder von mir: Mal schlurfe ich schmerzgeplagt dahin, mit oder ohne Wanderstock. Mal gehe ich recht beschwingt, als gäbe es nichts Schöneres als Asphalt und Platzregen. Mal stehe ich vornübergebeugt weil der Rücken schmerzt. Oder aber ich haue den Stock wütend schnaufend auf den Boden, Schritt für Schritt. Mal trage ich den Wanderstock im Nacken und singe vor mich hin. Und mal hantiere ich hilflos mit beschlagener Brille, drei Kapuzen, durchweichtem Stirnband und nassen Haaren.

Mein Highlight auf der gesamten Strecke sind zwei Radfahrer, die mich überholen und mir aufmunternd und lächelnd zuwinken und laut zurufen. Das hilft für die nächsten hundert Meter, danach dürften sie gerne noch ein paar Mal vorbeikommen… Aber es kommt, sehr viel später, nur noch eine einsame Radfahrerin vorbei, die mich mit „Bom Caminho“ anbrüllt und dadurch kurz zu Tode erschreckt, aber dann ist sie auch schon wieder weg.

Dauerregen-Etappe auf Asphalt

In Nossa Senhora das Areias, dem ersten Ort seit Beginn meiner Tour, und dem letzten Ort vor Viana, muss ich endlich mal abbiegen und treffe irgendwann auch endlich wieder auf gelbe Pfeile und die Jakobsmuschel. Kurz überlege ich, hier auf Philipp zu warten, schließlich muss er hier ja lang kommen, aber wer weiß wo er steckt, wie lange er noch braucht, ich will ihn auch nicht anrufen und hetzen. Wir hatten das Hotel vereinbart als Treffpunkt, also soll es dabei bleiben.

Die größte Herausforderung erwartet mich aber noch! Die Eiffelbrücke über den Fluss Lima hat nur einen ganz, ganz schmalen Fußweg neben der Straße, auf der die Autos rasen – wieder mal. Und das, wo ich doch so ängstlich bin, zu Fuß auf Brücken. Aber da muss ich jetzt durch, hochkonzentriert mache ich mich auf den Weg und muss höllisch aufpassen weil es da oben so dermaßen windig ist, dass ich mich ein, zweimal am Brückengeländer festhalten muss. Meine Regenhose und mein Halstuch flattern nur so um mich herum.

Viana do Castelo zum Greifen nah

562m dauert der Spaß und am Ende kommt mir die Fahrradfahrerin von vorhin entgegen. Huch! Warum eigentlich entgegen? Verwirrt schaue ich sie an und sie fragt mich, ob ich auf der Brücke oder drüben ihre zweite Fahrradtasche gesehen habe… Au backe! Die arme Frau! Nun muss sie insgesamt drei Mal über diese verflixte Brücke, und das auch noch mit dem Fahrrad neben sich, das ist wirklich nicht ungefährlich! Ich hoffe für Sie, dass sie wenigstens noch die Tasche findet! Wie furchtbar!

Viana do Castelo – Regen, Frust und ein kleiner Lichtblick

Viana do Castelo

Nach Verlassen der Brücke durchstreife ich die Altstadt bis zum Hotel. Es ist 13 Uhr und ich darf erst ab 14 Uhr einchecken, na Bingo! Und das, wo ich so durchgeschwitzt und durchgeregnet bin. Was also tun? Ich entscheide mich für eine kurze schöpferische Pause auf dem Sofa neben der Rezeption und klappere dann zwei naheliegende Apotheken ab, immer noch auf der Suche nach Zinkoxidverbänden, aber das scheint hier ein Ding der Unmöglichkeit zu sein!

Immerhin treffe ich nach dem Verlassen der zweiten Apotheke auf Phil. Er trudelt gerade ein und wir gehen wieder zusammen zum Hotel. Wäre ich nicht so erschöpft und fußlahm, würde ich jede einzelne Gasse von Viana do Castelo durchstreifen, das Städtchen ist wunderwunderschön, aber ich kann einfach nicht!

Viana do Castelo

Nun dürfen wir aber einchecken und müssen feststellen, dass unser Zimmer eine halbe Vollkatastrophe darstellt, v.a. im Vergleich zu gestern! Das Badezimmer ist komplett verglast. Wozu es dann noch eine nicht mal vollständig schließbare Schiebetür hat, verstehe ich nicht. Im Glashaus scheißen (sorry, für den Ausdruck), das will doch einfach kein Mensch! Was soll sowas bloß?

Der Rest des Zimmers ist auch nicht toll, denn es ist winzig und bietet nahezu keinen Stauraum, schon gar nicht für unsere vielen nassen Klamotten! Wir sind völlig überfordert. Das winzige Bett mit nur einer Decke macht es nicht besser. Aber noch bilden wir uns ein, dass die Welt nach einem leckeren Essen schon besser aussieht…

Viana do Castelo

Der Hotelier hatte einen Burger- und Craft Beer Laden um die Ecke empfohlen. Als wir dort aufschlagen, hat die Küche leider zu. Von 15 bis 18 Uhr kann man in Portugal leider oft nichts zu essen kriegen. Na gut, dann versuchen wir es wo anders. Beinahe wären wir wieder in einen Supermercado gegangen aber das hätte ich heute in unserem „Loft“ nicht verkraftet. Wenn ich eine vernünftige Unterkunft habe, behelfe ich mich gern mit einem Supermarktmahl. Aber wenn schon die Bleibe nicht stimmt…

Und wir haben doch noch Erfolg! Wir landen in einem sehr modernen, stylischen Restaurant mit clubbiger, loungiger Musik, wo wir uns mal so richtig satt essen können, ich an einer Pizza und Phil an einem üppig belegten XXL Baguette, das auf einem Skateboard daherkommt… Total cool und mega lecker, vor allem der Weißwein, den ich mir heute nicht verkneifen kann!

Viana do Castelo

Danach ist dann Feierabend und zudem haben wir, mehr oder weniger, beschlossen, dass ich morgen wohl nicht wandern sollte. Ich versuche es als Zeichen zu sehen, dass wir hier in der Nähe vom Bahnhof wohnen und in Ancora, unserer nächsten Station, ebenso (mehr oder weniger). Ich komme zwar überhaupt nicht gut klar damit, eine Etappe zu skippen, aber es ist wahrscheinlich das vernünftigste.

Ich bin eigentlich nicht der Typ, der sich keine Schwäche eingestehen kann, aber hier und jetzt nicht so zu können, wie ich will, das ist hart! Ich habe das als Wanderreise gebucht und zwar in der „gemütlichen“ Variante, d.h. wir laufen mindestens doppelt so viele Tage wie der Durchschnittspilger auf dieser Strecke, ergo sollte man das körperlich bitte auch durchhalten können in unserem Alter!

Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll und warum es jetzt so ist, wie es ist, aber es nützt auch nichts, mich auf den morgigen 18-20km zu verausgaben und dann womöglich nicht mal mehr Spanien zu erreichen. Andererseits denke ich nicht, dass mir dieser eine Pausentag morgen so viel bringen wird, denn das was mein Fuß gerade wieder hat, das erfordert eigentlich mehrere Tage ohne Belastung. Lange Rede, kurzer Sinn: Schöne Scheiße!

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