Padron nach Rua de Francos

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Orientierung auf dem Camino

Donnerstag, 3. April 2025

„Drücke ich während des Wanderns mit meinen Füßen auf den Weg oder drückt der Weg auf meine Füße?“ (Hape Kerkeling)

Wanderetappe Padron nach Rua de Francos ca. 12,5 km

Gehzeit ca. 03h35, Pausenzeit ca. 1h

Buenas Dias vorletzter Wandertag!

Heute haben wir ein bisschen länger geschlafen, weil wir morgens mittlerweile so routiniert unsere Handgriffe erledigen, dass das durchaus mal möglich ist, dafür wollen wir morgen eventuell früher los. Genau wissen wir das noch nicht, aber wahrscheinlich ist es schöner, etwas früher in Santiago einzutreffen.

Unser wunderschönes Zimmer stinkt immer noch erbärmlich, was uns den Abschied leicht macht. Auch beim Frühstück finde ich wieder nur trockenes Baguette und bin daher nicht traurig, zu gehen. Außer, dass das bedeutet, dass das Ende unserer Reise nun wirklich mit jedem Schritt näher kommt. Und leider ist für die nächsten paar Stunden auch noch Regen angesagt. Na gut, noch ist es trocken, wenn auch alles andere als sonnig.

Qualvoll von Padron nach Rua de Francos

Padron: Iglesia de Santiago Apóstol de Padrón

Punkt 9.30 Uhr starten wir bei Nieselregen. Leider sehen wir auf dem Weg nicht mehr so viel von Padron, was ja eigentlich ganz hübsch sein soll. Zwar kommen wir an der Hauptkirche vorbei aber die öffnet erst um zehn.

Wir sind gerade aus Padron raus, kommen an eine viel befahrene Hauptstraße, da tut sich linkerhand ein großes Pilgerdomizil auf. Herberge und Café, auch für Besucher, die nicht hier übernachten bzw. natürlich auch für Nicht-Pilger. Da ich schon nach zwei Kilometern Pipi muss und sowieso noch keinen Kaffee hatte, eile ich direkt hinein, Philipp im Schlepptau natürlich.

Orientierung auf dem Camino

Auf der Anzeigetafel steht sogar was von Baguette mit Gemüse. Na? Liegt das schon an der Nähe zur Großstadt, dass es nun ab und an was Vegetarisches gibt? Mit dem Auto sind nur noch 16km (?!) ausgeschrieben auf direktem Weg nach Santiago…

Ich bestelle uns Kaffee und für mich ein solches „Baguette mit Gemüse“, und es stellt sich heraus, es ist riesig groß und würde für zwei Personen reichen. Es ist unwahrscheinlich kreativ belegt, mit Zwiebel, grünem Salat, Tomate, Spargel und Sprossen! Das hatte ich hier auch noch nicht! Zu den beiden Kaffees gibt es, wie immer gratis, vier Süßteile, die allein schon satt machen würden. Gesamtpreis 7,40 Euro für alles (!) zusammen! So günstige Preise beeindrucken mich auch nach fast drei Wochen noch.

Die Gasse eng, der Sinn weit.

Weiter geht´s, und die Strecke ist heute nicht so atemberaubend wie gestern, aber auch nicht hässlich. Es folgt eine lange Phase mit vielen Abbiegungen durch verwinkelte Ortschaften, die aus kleinen Gassen und Steinhäusern bestehen, es geht sich sehr nett.

Danach überholen wir irgendwann Marianne, mit der wir heute auch gefrühstückt haben. Es dauert dann nicht lange und mein linker Fuß tut wieder sehr weh bei jedem Schritt. Bald überlegen es sich die Haxen aber anders und der rechte Fuß übernimmt das Kommando für fast die gesamte restliche Etappe. Zwischendurch ist es wieder so schlimm wie zu Beginn der Reise, als ich irgendwann dachte, ich kann an dieser Stelle alles komplett abblasen. Gestern wird einfach zu viel gewesen sein, auch wenn es sich da super lief, heute spüre ich das umso mehr.

Asphalt

Auf einer Bank an einer viel befahrenen Straße bietet mir ein deutscher Pilger sogar Schmerzmittel und Schmerzgel an, aber ich habe ja eigentlich alles! Und dann denke ich: JA! Das ist doch eine Idee! Bisher bin ich komplett ohne Schmerztabletten ausgekommen, aber vielleicht sollte ich es heute mal probieren, es kann ja zumindest nicht schaden!

Schäfchen zählen

Es soll ja durchaus Pilger geben, die sechs Wochen lang auf dem Camino Schmerztabletten frühstücken – in großer Anzahl und hoher Dosis – um die nächste Etappe zu überstehen. Wahrscheinlich wäre das bei meinen aktuellen Beschwerden sogar gerechtfertigt, aber ich bin einfach nicht der Typ dafür. Ich habe nicht einmal daran gedacht, die Einnahme in Erwägung zu ziehen! Vielleicht wäre das in dem einen oder anderen Fall gar nicht so verkehrt gewesen. Aber lieber gequälte Füße, als medikamentenabhängig in Santiago anzukommen.

Pilger auf ihrem Weg

Später beim Gehen kommen wir wieder auf das Thema Medikamente und Alkohol. Das Thema ist hier einfach omnipräsent, zum einen, weil Philipp nach wie vor komplett verzichtet, zum anderen, weil Alkohol von anderen „wie Wasser“ konsumiert wird. Und wieso kommen wir jetzt wieder auf Alkohol und Sucht, nur weil ich eine Schmerztablette nehme?

Alter Pilger auf altem Steinweg

Viele Sportler können ihr Training nur durchziehen, indem sie permanent Schmerzmittel nehmen und die Symptome bekämpfen, statt sich mit der Ursache zu befassen. Das ist im weitesten Sinne auch eine Sucht. Und Medikamentenmissbrauch. So kommen wir zum Thema Drogen und wie unangemessen wir es finden, dass es immer heißt „Drogen und Alkohol„, als ob es hier einen echten Unterschied gäbe.

Alter Pilger auf altem Steinweg

Unser Marsch geht weiter und ich kann es vorweg nehmen: Ich habe nicht den Eindruck, dass die Schmerztablette irgendwas bringt, aber ich weiß natürlich nicht wie es ohne gewesen wäre. Was mir aber eine deutliche Linderung, wenn auch nur vorübergehend, verschafft, ist eine halbstündige Pause im Grünen auf einer Pilgerbank, wo Philipp mir die Schuhe von den Füßen reißt und sie belebend aber vorsichtig durchmassiert. Ein Thüringer gesellt sich auf einen Plausch dazu, ohne sich an unserer Fußmassage zu stören.

Erlösende Pause

Man sieht hier auf dem Weg aber sowieso vieles, was man sonst nicht so sieht. Leute, die auf dem Boden sitzen am Feldrand, und ihre Füße neu verpflastern gegen die Blasen, zum Beispiel. Oder die ihre Socken und Schuhe abstreifen und die Füße in einen kalten Bachlauf halten, was vermutlich sehr empfehlenswert ist. Und auch Leute, die an einem Tisch im Pilgercafé ihre Füße eincremen und ihren Kaffee dann barfuß oder in Socken einnehmen. Alles ganz normal.

auf der Zielgeraden für heute

Ein interessantes Duo treffen wir heute mehrmals. Ein Asiate mit seinem Sohn, den ich auf ungefähr 12-13 Jahre schätze. Der Vater trägt beide (Tages-) Rucksäcke und der Sohn tapert im Zeitlupentempo hinter ihm her, mit Stöckern und finsterer Miene. Selbst ich mit meinem Hinkefuß, der mich heute schier umzubringen scheint, überhole den Jungen bergauf!

auf der Zielgeraden für heute

Wie wir da so auf unserer Bank sitzen, holt Marianne uns wieder ein, und an der nächsten Bank, die sie für ihr heutiges Picknick auserkoren hat, holen wir sie wieder ein. So geht das hier immer munter abwechselnd. Insbesondere fällt mir auf, dass man meistens die Leute am Zielpunkt gleichzeitig eintreffen sieht, wie man morgens losgelaufen ist. Doch die scheinen alle im Renntempo unterwegs zu sein, sind dann aber letztlich doch nicht schneller „fertig“ als unsereins. Das finde ich immer äußerst spannend zu beobachten. Auch mit kleinen Schritten kommt man an, und das nicht unbedingt später. Vielleicht ein Learning (oder eine Bestätigung), das (bzw. die) sich auf das ganze Leben übertragen lässt…

Das Ziel rückt näher.

Ich weiß auch nicht, wann Marianne uns erneut überholt hat, aber als nächstes überholen wir sie in einem herrlichen Waldstück, mit dem wir gar nicht mehr gerechnet haben. Schön schattig, gleichzeitig sonnig, das Grün der Bäume und des Mooses leuchten bei diesem ganz besonderen Licht, und ich genieße den weichen und abwechslungsreichen Waldboden, der es meinen Füßen immer leichter macht als dieser ewige Asphalt!

Moment der Farben inmitten des Grau

Ein paar Minuten gehen wir zusammen mit Marianne. Obwohl sie gerade Portugiesisch auf den Ohren hat, ein Lernprogramm, das sie nebenbei laufen lässt. Gespräche auf dem Camino haben trotzdem Priorität für sie. Zum Beispiel darüber, wie unterschiedlich das Feedback ist, wenn sie in Portugal versuchte mit Portugiesen Portugiesisch zu sprechen. Einige sind sehr geduldig und freuen sich, andere sind eher unhöflich, gehetzt und bitten sogar um Englisch… Wie frustrierend. Das ermutigt mich nicht unbedingt, es im nächsten Portugal-Urlaub auszuprobieren mit dem Portugiesisch sprechen…

traditioneller, galizischer Getreidespeicher

Ebenfalls in diesem, unseren, Gespräch darf ich mich über ihr Lob bzgl. meines Englischs freuen. Oft genug hat sie mich mit Hotel- oder Restaurantpersonal und anderen Pilgern Englisch sprechen hören. Das geht mir natürlich runter wie Öl, und ich fühle mich darin bestätigt, meine Lieblingsserien weiterhin auf Englisch zu gucken und auf der Arbeit englischsprachige Telefonate zu forcieren, anstatt sie zu delegieren.

Am Wegesrand in Iria Flavia

Irgendwann trennen sich unsere Wege wegen der unterschiedlichen Tempi, aber wir werden uns ja später nochmal sehen. Ich schwanke derweil zwischen dem Genuss der Schön-Wetter-Etappe und der Traurigkeit über die Tatsache, dass Santiago uns nun, gefühlt, „entgegen rast“! Da kann man schon mal melancholisch werden.

Weiter, immer weiter!

Nach einer Weile haben wir wieder Asphalt unter den Füßen und zwar das ganze letzte lange Stück bis zu unserem Pick up Point. Hier rufen wir unser Hotel an, der Fahrer von dort braucht ungefähr zehn Minuten bis er da ist. Wir hatten noch überlegt ob wir Marianne kontaktieren, denn dann könnten wir gleich zusammenfahren aber dann haben wir das doch nicht gemacht, weil wir sie nicht hetzen wollten. Und als wir gerade am Ortsausgangsschild sind, kommt der Anruf des Hotels an unseren Fahrer, dass eine gewisse „Marianne“ im Restaurant XY abgeholt werden möchte. Ach! Ganz in der Nähe von dort, wo wir abgeholt wurden, nur ein paar Straßen weiter, war also ein Restaurant. Hätte ich das gewusst, hätten wir dort essen können…

auf der Zielgeraden für heute

Also sammeln wir noch Marianne ein und dann geht es Richtung Unterkunft, die sich heute ein paar Kilometer entfernt vom Camino, in Brion, befindet. Nachdem wir am Hotel angekommen sind, lacht Philipp sich die nächsten Stunden scheckig über mich. Aus reiner Routine habe ich unserem Fahrer nämlich ein kleines Trinkgeld in die Hand gedrückt, was, zugegebenermaßen, absolut lächerlich und unnötig war, angesichts der Tatsache in was für einem schicken Wagen wir gefahren worden, in dem hinten die gebügelten Hemden hingen… Wir kommen schnell überein, dass der Fahrer der Chef des Hotels und Restaurants sein muss, wo wir untergebracht sind, und seinem Aussehen, Auftreten und Auto nach, ist er wahrlich nicht auf ein Trinkgeld von verschwitzten Pilgern angewiesen. Das war ziemlich albern von mir, aber ich war einfach erschöpft, wollte nicht unhöflich sein und habe nicht nachgedacht, es war eher ein Automatismus. Ich könnte es echt verstehen, wenn der Mann mich dafür innerlich ausgelacht hat…

Unterkunft in Brion

Als Vegetarier verzweifeln – aber stilvoll

Ein herrlicher Empfang und ein netter Eingangsbereich, aber wie wir längst wissen, heißt das noch lange nicht, dass wir ein schönes Zimmer bekommen. Und das ist auch nicht der Fall! Leider! Wir schmeißen also nur unsere Sachen rein und gehen sofort ins Hotelrestaurant, denn noch bekommen wir hier einen späten Lunch, somit müssen wir nicht bis 19.30 Uhr warten, bis es zu nachtschlafender Zeit Abendessen geben würde!

Unterkunft in Brion

Die Speisekarte ist lang und wieder mal absolut Vegetarier-feindlich. Ich frage nach einer Möglichkeit, immerhin sitzen wir hier mit weißen Tischdecken, schickem Geschirr und überhaupt. Das muss doch möglich sein! Der Kellner fragt den Koch und ich kann wählen zwischen Reis und Gemüse (hmm, ich hatte gestern Paella!) oder alternativ Grillgemüse (ok!). Immerhin.

Inklusive Brot, Tapas, Hauptspeisen, süßem Nachtisch, Kaffee und Schnaps liegen wir bei rekordverdächtigen 61 Euro, was das teuerste Essen der Reise, aber nicht unbedingt unangemessen hoch ist, für das was wir alles erhalten haben!

Im Zimmer halten wir uns auch danach nicht lange auf. Im Garten gibt es eine Sitzecke, doch dort ist es wiederum zu kalt. Phil bevorzugt das Bett, ich gehe in die öffentlichen Sitzbereiche im Innenbereich des Hotels und mache dort meine Reisenotizen und die fehlenden Hotel- und Restaurantbewertungen.

Unterkunft in Brion

Der Tag geht also langsam zu Ende und ich bin einerseits froh, dass wir morgen diese Unterkunft verlassen können, und andererseits etwas wehmütig, dass wir morgen unser Ziel erreichen sollen. Irgendwie denkt man zwischendurch auf so einem Pilgerweg, dass das immer so weiter gehen wird. Man will gar nicht mehr wirklich „ankommen“. Es ist „im Hier und Jetzt“ eigentlich am Schönsten. Werde ich so kurz vorm Ziel also doch noch philosophisch?

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