Esposende nach Castelo do Neiva

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Land in Sicht

Donnerstag, 20. März 2025

„Der Weg“ – Herbert Grönemeyer

Wanderetappe Esposende nach Castelo do Neiva ca. 13 km

Gehzeit ca. 03h45, Pausenzeit ca. 30min

Startschwierigkeiten

Die vierte Wanderetappe steht bevor und der Tag beginnt damit, dass Philipp mir den linken Fuß dick mit Schmerzsalbe einbalsamiert und einen Verband drumwickelt. Bei sowas pfusch ich dem Fachmann nicht ins Handwerk! Und der rechte Fuß bekommt die Stützgamasche aus Chicago, wo ich auch schon Fußprobleme hatte.

Ich dachte nur nicht, dass ich auf dem Caminho die gleichen Beschwerden haben würde, da ich hier ja mit vernünftigem Schuhwerk unterwegs bin. Ja, scheiße, was! Schön vorsichtig darf ich heute sein und auch mindestens einen Wanderstock werde ich ab sofort benutzen, in der Hoffnung, dass das ein bisschen entlastet… Gleich beide Füße sind wirklich eine Strafe!

Nass und steinig aber der Caminho geht weiter

in sämtliche Regengewänder gehüllt...

Punkt halb acht sind wir die ersten beim Frühstück und nur eine Stunde später haben wir ausgecheckt, das Gepäck hinterlegt und uns in sämtliche Regengewänder gehüllt, die da wären: Bei Philipp zwei quietschgrüne Ponchos aus Amsterdam, wo ich vor einigen Jahren mit Papa Heineken [!keine Werbung!] besucht habe und wo die Capes verteilt wurden. Und bei mir eine Regen- über der Wanderhose und eine Regen- über der normalen Jacke. Außerdem hätte ich noch einen Regenhut in petto aber bei drei Kapuzen sollte das auch so ausreichen.

Es wird nicht schön heute, das kann ich schon vorweg nehmen. Die Tour heute ist unglaublich eintönig, denn es geht zu 90% durch Ortschaften und v.a. über Kopfsteinpflaster! Das ist eine haarige Angelegenheit für mich, denn was am schmerzhaftesten für die geschädigten Füße ist, ist Kopfsteinpflaster. Sobald ich die Wahl habe, wähle ich flachen Asphalt oder auch sandigen Untergrund. Gleichzeitig muss ich aber einen Bogen um große Pfützen machen und vielen, vielen Autos ausweichen, die in den engsten Gassen das Bremspedal nicht finden, sondern ohne Rücksicht auf Verluste überall regelrecht entlangbrettern.

Die Tour heute ist unglaublich eintönig...

Gegen zehn Uhr gelüstet es mich nach eine doppelten Portion Spaghetti, gefolgt von einem doppelten Espresso. Natürlich ist da nichts zu machen aber ein bisschen fantasieren darf man ja wohl…

Insgesamt, muss ich sagen, geht es aber einigermaßen mit den Füßen, denn ich weiß ja, was schmerztechnisch mein Limit ist, das habe ich in Madrid 2015, Singapur 2019 und eben Chicago 2024 schon erreicht gehabt. Ich bin zwar heute schon nah dran, aber es geht noch!

Unterwegs fällt mir immer mal wieder dieser tolle Spruch ein: „Der Camino gibt dir nicht was du willst, der Camino gibt dir was du brauchst!“. So ein Schwachsinn! Ich brauche keine Bänderdehnung und auch keinen Bänderriss! So ein scheiß Spruch, der ist doch nur eine lahme Floskel, die nichts anderes bedeutet, als: Auch beim Pilgern kannst du scheiß Tage haben, wie im echten Leben, da musst du durch!

Die Tour heute ist unglaublich eintönig...

Und das muss ich… Zum Glück sind es heute „nur“ elf Kilometer, auch wenn letztlich dreizehn, fast vierzehn draus werden… Eine klitzekleine Kaffeepause gönnen wir uns irgendwo im Nirgendwo in einer „Kneipe“ und dann gibt es auch noch einen ganz kleinen Wegabschnitt, der durch wunderschönes, wenn auch matschiges, Waldgebiet geht, ein bisschen abwechslungsreicher, als das Kopfsteinpflaster ist es allemal! Und obwohl es hier bergauf und bergab und konsequent über Steine und Baumwurzeln geht, kann ich hier besser laufen! Idyllisch rauscht unter, später neben, uns ein nicht ganz so kleiner Fluss, den wir ein Stück weiter auch auf einer Steinbrücke überqueren. Das ist der malerischste Abschnitt heute…

Und danach geht es erstmal wieder schön bergauf, bergauf, bergauf. Normalerweise liegen wir pro Kilometer bei zwölf bis siebzehn Minuten, je nach Bodenverhältnissen und Anzahl der Fotostopps. Sogar heute, wo ich gefühlt viel langsamer bin, laufen wir fast im gleichen Tempo wie sonst. Aber jetzt dieses lange Bergauf-Stück hoch in den Ort, in dem sich unsere Unterkunft befindet, da brauchen wir (ich!), sage und schreibe, einundzwanzig Minuten für einen Kilometer weil ich nur im Zeitlupentempo gehen kann.

Das ist der malerischste Abschnitt heute...

Irgendwann müssen wir den Caminho verlassen weil unsere Unterkunft ein gutes Stück abseits liegt, genau wie vorgestern in Apulia. Hinzu kommt noch ein kleiner Umweg, der sich mit meinem Fuß wie ein großer Umweg anfühlt, zu einer Apotheke. Ich träume von einem Zinkleimverband und einem großen Vorrat Mullbinden. Leider hat man fast nichts davon da. Meine Ausbeute beschränkt sich auf exakt eine Mullbinde. Möge das eine Supermullbinde sein, die mich morgen nach Viana do Castelo katapultiert! (…)

Castelo do Neiva – Sonne, Regen und alles dazwischen

12.40 Uhr. Bei mittlerweile strahlendem Sonnenschein erreichen wir unsere heutige Unterkunft, die Quinta do Monteverde [!keine Werbung!]. Schon von weitem sehen wir das leuchtende Orange meines und das leuchtende Pink von Mariannes Gepäckstück, das vor der Tür steht. Kurz darauf kommt eine Frau um die Ecke, die uns zur Rezeption führt und eincheckt. Leider werde hier momentan vieles renoviert, deshalb riecht es nach Farbe, aber das betrifft nur das Haupthaus, dort befinden sich keine Zimmer. Außerdem sei momentan das WLAN ausgefallen, ach ja über mobile Daten habe man hier so gut wie keine Chance, also: Internet Detox. Im Übrigen geht auch das Fernsehen nicht. Das mag für andere ein riesen Problem sein, ist uns aber herzlich egal.

Unsere Bleibe heute Nacht.

Nach dieser ungewöhnlichen und zunächst auch nicht übertrieben herzlichen Begrüßung, werden wir zu unserem Zimmer gebracht und alles ist wieder gut! Wir haben genau genommen zwei Zimmer und die sind einfach so, so, so schön! Wir haben unglaublich viel Platz, sehr viel Stauraum bzw. Ablagefläche, und haben selten so stilvoll gewohnt! Es sieht ein bisschen aus wie im Museum aber es ist wirklich nobel und es steckt auch viel Liebe im Detail. Man kann es gar nicht beschreiben!

Jedes antike Möbelstück, jeder stabile Lampenschirm wird sofort von uns in Beschlag genommen und mit Gegenständen behängt, die trocknen müssen. Zu meiner riesigen Freude, ist das Badezimmer supermodern und sauber, ich gehe zuerst duschen! Wahnsinn, was wohnen wir hier toll!

Unsere Bleibe heute Nacht.

Bald darauf tippeln wir nochmal los, die Besitzerin der Quinta hatte uns eine Taverne empfohlen, wie sich herausstellt unweit der Apotheke… Der Umweg vorhin war also eigentlich umsonst, da wir nun eh nochmal dort vorbei kommen! Das ärgert mich schon sehr, denn ich bin gerade unglaublich schlecht zu Fuß.

Es wird nicht besser: Die Taverne hat außerplanmäßig zu. Und just fängt es wieder an, in Strömen zu gießen. Natürlich haben wir nun kein Regenoutfit mehr dabei und etwas zum Unterstellen gibt es auch nicht. Kurzerhand schießt Philipp los zu dem Minimarkt, den wir vorhin irgendwo gesehen hatten, und ich gehe direkt zur Quinta zurück, jeder Meter ist zu viel! Komplett durchnässt komme ich hier an und staune über meine eigene Gelassenheit. Oder ist es schon Resignation weil bei den aktuellen Schmerzen die Nässe dann auch schon egal ist?

Unsere Bleibe heute Nacht.

Philipp bringt dann Baguette, Frischkäse und Oliven mit. Besser als nichts. Wir haben hier, versteckt in einer großen Schrankwand, sogar eine Küchenzeile mit Waschbecken, Kühlschrank, Wasserkocher und Mikrowelle, also finde ich auch ein bisschen Besteck. Immerhin. Und anschließend organisiere ich uns an der Rezeption noch Wasser, das gibt es freundlicherweise sogar kostenlos, und rufe mal zu Hause an, während ich draußen sitze in meinen dünnen Klamottchen, wo ich Empfang habe. Danach bin ich allerdings völlig durchgefroren, da hilft auch die verhältnismäßig dicke Bettdecke nichts. Erst krame ich meine dickste Schlafhose raus, die ich dabei habe, dann mache ich mir noch eine Packung Fünf Minuten Nudeln, die ich in meiner Reisetasche finde. In dem Schrank unterm Fernseher findet sich neben „Omas gutem Kristall“ auch eine brauchbare Tasse für meine heiße „Mahlzeit“.

Unsere Bleibe heute Nacht.

Außerdem schmiere ich meinen Fuß, zur Abwechslung mal mit Arnica, dick ein, sortiere ein bisschen mein Zeug und grübel noch weiter darüber nach, wie ich morgen den Tag über die Bühne kriegen will. Seit gestern liegt Philipp mir in den Ohren, ich möge am Besten schon mal mit dem Bus nach Santiago fahren und mir da noch eine schöne Zeit machen. Ich halte das für etwas arg früh, was soll ich denn zwei Wochen in Santiago? Und unter welcher Brücke soll ich da schlafen? Ein Einzelzimmer ist schließlich nicht gerade erschwinglich. Nee, mal ehrlich! Ich gucke jetzt von Tag zu Tag und hoffe einfach, dass ich das meiste noch mitmachen kann, schließlich liegen noch fünfzehn (!) Wandertage vor uns! 

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