Viana do Castelo nach Vila Praia de Ancora

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Vila Praia de Ancora

Samstag, 22. März 2025

„Get out of your own way“ (U2)

Wanderetappe Viana do Castelo nach Vila Praia de Ancora ca.  0 km

Motto des Tages: Zugpilgern

Caminho, Kaffee & Käsetoast – Pilgern mit Plan B

Heute Morgen als der Wecker klingelt, sind wir ganz erstaunt, wie relativ gut wir geschlafen haben. Nicht toll, aber sehr viel besser als befürchtet, in diesem schmalen Doppelbett mit nur einer Bettdecke. Keiner ist erfroren oder hat blaue Flecke davon getragen! Manchmal kommt es also nicht ganz so schlimm, wie man denkt.

Auch das Frühstück ist gar nicht so schlimm, wie gedacht. Ja, okay, es ist das magerste Frühstück, was uns in dieser Woche so aufgetischt wurde, aber letztlich findet jeder etwas, um den Magen das erste Mal am Tag zu füllen, dabei ist klar, dass ein 2 Sterne Hotel kein 5 Sterne Frühstück servieren würde!

Dann rüste ich Philipp regentechnisch und schicke ihn auf den Caminho. Ich bleibe hier. Natürlich nicht lange, in unserem Penthouse, aber ein paar Minuten habe ich noch, bis ich zum Bahnhof gehe, der ist ja zum Glück gleich um die Ecke. Trotzdem bin ich schon ordentlich nass, als ich dort kurz vor neun aufschlage. Ich kaufe ein Ticket für 2.25 Euro nach Praia de Ancora und muss feststellen, dass der Zug leider wirklich erst um kurz vor halb elf fährt, so wie ich es online recherchiert hatte. Ich hatte gehofft, dass es in Wirklichkeit noch mehr Möglichkeiten gibt. Vielleicht mit dem Bus, aber den will ich jetzt nicht auch noch suchen mit meinem Schmerzfuß, ich habe ja Zeit und kann auch im Bahnhofshäuschen verharren.

Fußlahme dürfen von Viana nach Ancora Zug fahren

Es ist durchaus tröstlich, dass hier heute offenbar ein Pilgertreffen stattfindet, das der Bahnpilger nämlich. Es finden sich viele Pilger ein, die bei diesem Wetter auf die Tortour verzichten. Zu meinem Bedauern sind es fast ausnahmslos Deutsche, aber ich habe überhaupt keine Lust auf Konversation heute. Schließlich bin ich immer noch nicht ganz im Reinen mit mir und ein paar Mal den Tränen nahe, dass ich heute wirklich nicht laufen kann.

Daher halte ich es wie eine andere Frau, die mir gegenüber sitzt und sich auch hinter ihrem Buch verschanzt. Ich kann nicht erkennen, in welcher Sprache sie liest, tippe aber auch hier auf eine Deutsche. Die Zeit vergeht einigermaßen gut. Vor allem wenn ich das faszinierende Fußbodenmuster des Bahnhofgebäudes eingehend studiere, und den Deutschen um mich herum lausche, während ich mich aber nicht als Landsfrau zu erkennen gebe. Der Zug fährt dann fast pünktlich, und die eigentliche Fahrzeit von 20 Minuten halbiert sich sogar, weil der Zug gar nicht an jedem Bahnhof unterwegs anhält.

In Vila Praia de Ancora angekommen, stehe ich unmittelbar wieder im strömenden Regen. Und neben mir die andere stumme Frau aus Viana do Castelo. Hmmm, was sie wohl vorhat? Ich jedenfalls stratze direkt in das vor mir befindliche Café, bestelle mir ein Pastel de Nata und einen Espresso und hänge mein Zeug zum Trocknen über die Stühle an meinem Tisch. In dem Moment kommt die Frau aus Viana auch herein! Ich gebe mich nun zu erkennen und sage etwas auf Deutsch zu ihr. Sie lacht und sagt „Ach, auch Deutsche!?“. Und wir beichten uns gegenseitig, dass wir in Viana am Bahnhof absolut keine Lust auf Gespräche mit anderen Pilgern hatten und, dass man das auch mal ruhig so machen darf!

Ich dann heute so...

Dafür unterhalten wir uns jetzt eine Stunde lang sehr nett. Sie kommt aus Saarbrücken und pilgert „nur“ bis zur spanischen Grenze, weil danach noch eine Freundin anreist, mit der sie für zwei Wochen südlich von Porto eine Bleibe gebucht hat, von wo aus sie mit dem Mietwagen Touren machen wollen. Wie Porto so sei, will sie wissen, und ich finde ad hoc nicht die richtigen Worte aber sie sagt, mein Leuchten würde schon alles sagen, sie freut sich drauf! Vom Nachbartisch spricht uns eine Dreiertruppe Frauen an, die auch den Caminho gehen. Ich staune, denn sie kommen aus Kalifornien!

Zwischendurch schickt Phil mir Fotos und Videos von seinem Caminho, den er heute eher schwimmt als geht! Unter anderem durch einen Fluss, der nicht mehr unter der Brücke durchpasst! Er ist nicht zu beneiden!

Ich trinke noch einen Kaffee, dann einen Milchkaffee und einen Tee und bestelle einen Käsetoast und so langsam geht es mir besser. Die Saarbrückerin hat sich verabschiedet sobald es draußen heller wurde, aber ich bringe hier mehrere Stunden in dem Café zu und komme langsam besser mit der Situation klar. Ich muss mir ja eigentlich nichts beweisen und viel wichtiger ist doch, dass ich jetzt das Beste aus der Sache mache. Im Idealfall wird es mit dem Fuß auch bald besser, aber ich kann es eben nicht beeinflussen.

Ich dann heute so...

Der Caminho fängt offenbar an zu wirken… Auch (oder erst recht) wenn man ihn mit der Bahn fährt: Nimm die Situation an. Finde Lösungen. Ändere deine Sichtweise bzw. Einstellung. Lauf – oder lass es bleiben.

Erfolg im Apothekendschungel

Vom Café aus sind zwei Apotheken in kürzester Zeit, selbst für Fußlahme, erreichbar. In der ersten bekomme ich normale Mullbinden, in der zweiten, endlich, endlich meinen lange gesuchten Zinkleimverband! Ich kaufe gleich zwei! Es ist großes Glück, sie zu bekommen, denn sie sind in Portugal absolut nicht üblich, so sagen sie es mir in der Apotheke. Deshalb können sie mir auch nichts zu der Tragedauer sagen aber wozu gibt es YouTube Videos?!

Happy nach dem Pharmacy Shopping, laufe ich Richtung Hotel. Doch ich erhasche eine Straße runter einen Blick auf das Meer, mittlerweile sonnenbeschienen, und biege spontan ab! Ich mache also einen kleinen Umweg und bin froh darüber, denn Atlantikwellen sind doch gleich nochmal ein Boost für die Laune!

Vila Praia de Ancora

Ankommen deluxe

Im Hotel, heute ein kleines, zentrales, schickes Boutique Hotel, werde ich super freundlich empfangen und dürfte sogar schon einchecken, jetzt um kurz nach 13 Uhr. Ich verzichte aber und warte auf Philipp in der kleinen „Lobby“. Der freundliche Mitarbeiter, wahrscheinlich Inhaber, plaudert die meiste Zeit mit mir und so erfahre ich auch, dass unser Gepäck schon im Zimmer ist! Wow! Ich bin restlos begeistert, das hatten wir bisher in keinem Hotel! Schon der Empfang hier ist total geglückt und das Beste: Er hat einen Tipp, denn nicht weit von hier, fußläufig, gibt es einen Waschsalon, wo wir waschen und vor allem auch Dinge trocknen können! Wahnsinn! Der Tipp ist Gold wert!

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Durchwachsener Nachmittag

Philipp trudelt um kurz vor halb zwei ein und ist fix und fertig. Behauptet er jedenfalls, eigentlich sieht er ganz gut aus. Aber nach fast 20km im Nass, MUSS er hinüber sein, und geht auch direkt erstmal heiß duschen!

Unser Zimmer ist ein Traum, wir sind hin und weg, es ist so schön, so neu, so modern, so sauber und es gibt so tolle Details wie Beleuchtung im Kleiderschrank, kostenloses Wasser, ausreichend Kleiderbügel, Lichtschalter und Steckdosen am Bett, einen französischen Balkon, eine Regenfalldusche, gleich drei Handtücher pro Person, endlich mal Haken im Badezimmer, usw.

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Im Waschsalon waschen wir für 30 Minuten und trocknen für 20 Minuten ein paar Sachen durch, hauptsächlich Philipp seine, aber eine Schlafhose, ein Paar Schlafsocken, einen Schal und ein paar Unterhosen gebe ich dazu, damit ich nicht ständig Schlüpper unter der Dusche waschen und dann noch föhnen muss. Warum ich ausgerechnet an Unterwäsche gespart habe beim Packen, weiß ich wirklich nicht! Die Zeit im Waschsalon vergeht aber trotz großem Hunger (Philipp) und großem Durst (ich) ganz gut. Doch dann wird es Zeit für ein üppiges Mahl und die Restaurantsuche beginnt. Es geht auf 16 Uhr zu und das ist denkbar ungünstig. In der Nebensaison ist ja von 15 bis 18 oder 19 Uhr alles zu, wie wir schon wissen. Diverse Anläufe scheitern und die Laune sinkt beiderseits auf den Nullpunkt bis es eskaliert.

Vila Praia de Ancora

Eigentlich wollen wir aufgeben und zurück aufs Zimmer gehen, doch unser Lieblingsrezeptionist hält uns auf, fragt ob beim Waschsalon alles geklappt hat. Ja, sagt Philipp, aber wir haben kein Restaurant gefunden, das auf hat. Prompt hat er auch dafür eine Lösung: Ein Stück hinter dem Waschsalon gibt es ein Restaurant, dessen Küche hat durchgehend auf. Nur, dass wir nicht in diese Richtung gegangen waren. Na Gott sei Dank! Dann schnell die Wäsche aufs Zimmer gebracht und nochmal los. Dann naht ja Rettung.

Vila Praia de Ancora

Passenderweise ist in dem Laden die Musik auch so laut, dass man sich nicht unterhalten muss, das ist gerade ganz gut so. Weniger gut ist allerdings das Essen, zumindest meines. Die einzige vegetarische Option ist, wieder mal, ein veganer Burger, dieses Mal allerdings ertränkt in einer Soße, wahrscheinlich der typischen Franchesinha Soße, die hier gerne über belegte Toasts geschüttet wird. Geschmacklich ist es so lala, am Besten sind die Pommes dazu. Ich bin aber auch kein Fan von großartig viel Soße. Deshalb esse ich nicht ganz auf, bin aber wenigstens satt.

Auf dem Rückweg zum Hotel am Meer entlang genießen wir endlich feinsten Sonnenschein, allerdings auch heftigen Wind, der einem die Ohren abfrieren lässt. Na klar! Das erste Mal, dass ich ohne Stirnband los bin…

Vila Praia de Ancora

In der Hotellobby gönnen wir uns noch einen Absacker. Für ein kleines Bier und eine Brause zahlen wir sagenhafte vier Euro. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich noch ein zweites Bier genommen.

Wir haben uns jetzt wieder einigermaßen lieb und überlegen noch wie und wann wir den Zinkleimverband anlegen wollen. Erst denke ich, über Nacht einwirken lassen ist gut, dann wiederum sehe ich, dass der Hersteller auf seiner Website schreibt, man solle nach dem Anlegen direkt 20-30 Minuten laufen! Okay, also doch morgen früh!

Vila Praia de Ancora

Aktuell plane ich, morgen zu laufen, vielleicht nicht die ganze Strecke aber ich will es versuchen! Ich werde morgen entscheiden ob ich zu Beginn, mitten drin oder am Ende auf Zug, Bus bzw. Taxi umsteige oder ob ich es voll durchziehe. Ich muss ein bisschen aufpassen, denn der kranke linke Fuß ist die eine Sache. Die andere ist der rechte Fuß, der durch meine Humpelei viel mehr Last tragen musste und möglicherweise bald das größere Problem darstellen könnte.

Synchron schmieren wir heute Abend alle vier Füße mit Retterspitz und Anti Hornhaut Pflegecreme ein und rollen den Arnicaroller über die Oberschenkel, außerdem stopft Philipp seine Schuhe mit Handtüchern voll, morgen früh wird er sie noch föhnen müssen. Durchaus ein etwas anderer Urlaub!

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