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Freitag, 28. März 2025
„Dieser Weg (wird kein leichter sein…)“ (Xavier Naidoo)
Wanderetappe Vigo nach Redondela
ca. 16 km, Gehzeit ca. 04h30, Pausenzeit ca. 20min
„National“ Holiday
Pünktlich um sieben wollen wir zu Frühstücksbeginn unten sein. Der Fahrstuhl will aber partout nicht den Knopf „-1“ akzeptieren. Nagut, dann gehen wir die letzte Etage über die Treppe runter ins Untergeschoss, wo sich der Frühstücksbereich befindet. Huch! Die Treppe ist gesperrt!
Rezeption? „Aaaah, sorry, heute ist Feiertag in Spanien, da fängt das Frühstück eine Stunde später an!“. WAS? Gestern hat man uns gesagt ab sieben. Jetzt ab acht? WTF?! Nicht cool für einen Pilger! Nicht cool!
Schmerzgeplagt zum nächsten Stempel
Punkt 9 Uhr verlassen wir das schöne Hotel in Vigo. Das Frühstück war sehr gut gewesen, nur das mit der Uhrzeit schon sehr, sehr ärgerlich, vor allem weil ich absolut nicht herausfinden kann, welcher Feiertag das bitteschön sein soll. Ich kann das im Internet weder für Spanien noch für Galicien eruieren und vermute eine billige Ausrede für ein personelles Problem. Ein paar Tage später wird uns ein anderer Pilger aber aufklären, dass in Vigo an diesem Wochenende ein riesiges Stadtfest war, damit muss das Frühstücksproblem etwas zu tun haben…
Auf unserem Weg durch die Stadt begegnen wir zum ersten Mal ein paar Fahrrad-Pilgern. Leider zieht es sich, bis wir aus der Stadt raus sind, mindestens drei Kilometer Asphalt und keine Apotheke, denn Geschäfte öffnen immer erst um zehn, das kennen wir ja schon… Doch auch danach erfüllt sich mein Wunsch nach weichem Untergrund nicht. 95% der heutigen Etappe laufen wir auf tödlichem Asphalt! Tödlich für meine Füße…
Nach 5 oder 6 Kilometern tut mein (dieses Mal rechter) Fuß mehr weh als je zuvor und das bis kurz vor unserem Ziel. Das heißt ich bin überwiegend im Schneckentempo unterwegs und nehme nur sehr wenig von meiner Umgebung wahr, denn jeder Schritt will gut überlegt sein und ich versuche jedes Fitzelchen Gras oder Sand zu erwischen.
Nach genau 8km gibt es eine Rastmöglichkeit. Wie so oft ein Privathaus, das nur aus zwei Räumen besteht. Einem kleinen Badezimmer und einem Raum, wo man Souvenirs kaufen und sich mit Snacks und Getränken erfrischen kann. Drinnen wie draußen gibt es Sitzmöglichkeiten und es ist der ideale Moment für Philipp, Wasser einzukaufen, denn er hat keines mehr, und ich kann noch einen Kaffee vertragen. Bezahlen tut man auf Spendenbasis an die überaus freundliche Spanierin, die hier die müden Pilger belebt. Solche Leute machen aus so einer Tour etwas ganz Besonderes!
Ein Deutscher spricht uns hier ganz „charmant“ an: „Na, ihr seid heute aber nicht gut drauf!“ – „Ja? Warum?“ – „Ihr seht so schlecht gelaunt aus!“ – „Naja, ich habe Schmerzen!“
„Oh ja, ich auch, ich habe die Füße übervoll mit Blasen!“ schaltet sich ein Mädel ein. Sie ist vor zwei Wochen in Lissabon gestartet. Wer hätte da keine Blasen an den Füßen?
Der Mann wendet sich mir wieder zu. Er hatte uns zwischenzeitlich überholt und schon bei sich gedacht, dass das gar nicht gut aussieht, wie ich so vor mich hin humpele. Ich erkläre ihm mein Überlastungsproblem. Aufpassen soll ich, nicht, dass noch was richtig Schlimmes draus wird! Oh man. Das weiß ich doch. Das muss man mir doch nicht sagen. Es ist doch eh schon scheiße mit den Haxen!
Tatsächlich aber ist es heute auch wirklich grenzwertig, aber ich habe herausgefunden, dass wenn ich mich mit geradem Oberkörper nach vorn überbeuge, sodass ich fast vorn überkippe, dann kann ich einigermaßen schmerzfrei gehen, sogar relativ zügig. Da das aber für die Oberschenkel- und Oberkörpermuskulatur schnell anstrengend wird, gehe ich dann doch meistens „normal“ (also gerade) und versuche mit den Fußschmerzen klar zu kommen.
Den Abschiedsspruch des Mannes, dass ich nächstes Mal eben mit einer anderen Reisebegleitung pilgern solle, so als ob das was an meinen Schmerzen ändern würde, verstehen wir nicht so ganz und auch auf meine Nachfrage lacht er nur und winkt ab. Ich bin kurz verdattert, hake den seltsamen Typen aber sofort ab.
Nach einer nicht zu langen Pause (Wer rastet, der rostet!) ziehen wir weiter. Wie war das mit dem Camino, der mir gibt was ich brauche und nicht was ich möchte? Nun! Dann hat der Camino eben keine Ahnung, verdammt nochmal! Ich brauche ganz bestimmt keinen Asphalt! Ich brauche einigermaßen weichen Untergrund! Den gibt es heute aber nicht!
Aber jeder hat sein Päckchen zu tragen: Philipp denkt noch stundenlang über den Spruch von dem Kerl an unserem Pausenstopp nach und regt sich tierisch darüber auf, vor allem weil er so viel Interpretationsspielraum lässt, keinen Sinn ergibt und der Typ es nicht mal erklären wollte, wie und was genau er gemeint hat. Ich versuche Philipp zu trösten, dass manche Menschen scheiße sind und deshalb auch nur gequirlte Scheiße von sich geben können, und dass wir -um bei diesem Vokabular zu bleiben- darauf scheißen können, vor allem weil wir ihn gar nicht kennen. Nachdem ich ihm das oft genug gesagt habe, wird es irgendwann langsam besser.
Und so ziehen die Kilometer an uns vorbei und ich weiß nicht was das Schlimmste ist: Die Schmerzen und die Wegbeschaffenheit oder die vielen, vielen Rennrad- und Mountainbike-Fahrer, die auf der gesamten Etappe an uns vorbeischießen, ob Stadt ob Wald, im halsbrecherischen Tempo sind sie unterwegs, keiner hat eine Klingel oder macht sich mal anderweitig bemerkbar, man erschreckt sich halb zu Tode wenn sie von hinten kommen und selbst die von vorne sind unheimlich rücksichtslos, am Liebsten würde ich ihnen meine Wanderstöcke zwischen die Speichen stecken! Was kotzen die mich alle an! So aggressiv wie heute war ich noch keinen Tag auf dem Camino!
Zweieinhalb Kilometer vor unserer nächsten Unterkunft steht am Ende des Waldstücks ein Mann, der einen Tisch mit Camino-Souvenirs aufgebaut hat, und weil er auch Stempel hat, halten wir an! Er hat sogar schöne Souvenirs und wir kaufen drei Buttons für die Rucksäcke.
Ungefähr in Vigo beginnen die letzten 100 Kilometer vor Santiago. Wer seine Compostela am Ende erhalten will, muss auf dieser Strecke mindestens zwei Stempel pro Tag einholen, bisher war es einer pro Tag. Heute Morgen hatten wir im Hotel gestempelt, der hier auf der Strecke, den schickt der Himmel! Denn dann können wir morgen auch wieder den ersten im Hotel einholen und müssen nicht zwei auf der Wanderung suchen!
Generell gibt es die Stempel in Unterkünftigen, Restaurants, Cafés, Kirchen etc. Da wir aber noch in der Nebensaison unterwegs sind, was durchaus viele Vorteile hat, aber eben nicht nur, ist es manchmal nicht möglich, hier oder da einen Stempel zu kriegen. Bisher hat es allerdings letztlich immer geklappt, außer natürlich an meinen wanderfreien Tagen, aber die lagen VOR Vigo, also spielt es gar keine Rolle.
Wir werden sehen ob ich überhaupt noch die Compostela anstrebe. Anstreben KANN – mit meinen Füßen… Klar wäre so eine „Urkunde“ schon was Feines aber letzten Endes ist es auch nur Material und was ich geschafft habe (und was nicht) das weiß ich auch ohne dieses Blatt Papier.
Als wir unser Hotel erreichen, bin ich jedenfalls nicht ganz sicher ob ich die nächste Woche ohne Pausentag schaffe, so tun mir die Füße weh! Heute in einer Woche wollen wir in Santiago einlaufen! Ich bin gespannt!
Redondela – Im Ein-Sterne-Himmel
Das erste EIN-Sterne-„Hotel“ unserer Reise entpuppt sich als eine der schönsten Unterkünfte bislang! Wir haben hier ein ganzes Appartement mit Schlafzimmer, Wohn-/Schlafzimmer und Bad. Das Wohn-/Schlafzimmer hat auch eine Küchenzeile samt Waschmaschine und einen großen Esstisch. Ein Luxus, den wir gar nicht brauchen, denn ich habe gewiss keine Lust, zu kochen! Aber schön ist es trotzdem, so viel Platz zu haben, zumal alles super ordentlich ist! Der Ausblick ist auch nicht von schlechten Eltern, wir sind hochzufrieden!
Laut Rezeptionist schließen in Redondela die Restaurants um spätestens 15 Uhr und öffnen allerfrühestens um 19.30 Uhr. Ohje, es ist schon nach 14 Uhr! Was tun?
Schräg gegenüber ist ein Dönerladen, das hat ja neulich schon mal gut geklappt. Der wortkarge Pakistani, der den Laden betreibt, bereitet uns unsere mittelmäßigen „Döner“ zu und wir essen vor Ort. Danach holen wir im Supermercado noch Wasser und dann machen wir es uns bequem in unserem „Heim für eine Nacht“.
Es ist noch mitten am Nachmittag, die Sonne scheint, wir haben 20 Grad und der Ort scheint ganz nett zu sein, aber wir sind uns ohne Worte einig, dass wir unsere Kräfte sparen müssen für morgen!
Allerdings ändere ich meine Meinung später doch nochmal und gehe ein Stündchen raus weil ich auf Maps schräg gegenüber vom Dönerladen ein vegetarisches und sehr hippes Restaurant gefunden habe, wo ich beim Studieren der Speisekarte Lust bekomme auf eine leckere und vor allem gesunde Bowl und dazu einen Mango Kokos Lassi. Dort sitzt es sich unheimlich nett bevor ich zurück zu Philipp gehe, noch ein bisschen Uno spielen.
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