Erkenntnisse auf dem Camino

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CAMINO PORTUGUÉS DA COSTA – TIPPS, ERKENNTNISSE UND FAZIT

Tja! Was soll ich sagen? So als abschließendes Wort zu dieser sehr besonderen Reise? Ich glaube ein Satz fasst es schon ganz gut zusammen: Nie im Leben, hätte ich angenommen, mich nach so einer Pilgerreise der Mehrheit anzuschließen, die sagt: „Und das war ganz sicher nicht mein letzter Camino!“.

Wo fange ich an? … Nun gut, ich versuche es mal der Reihe nach… Vieles wird man ja immer wieder gefragt. Anderes fällt mir aber auch so dazu ein…

In Spanien "angelandet".

Die Standardfrage: Habe ich mich selbst (oder irgendwelche Antworten) gefunden?

Also so wahnsinnig tiefsinnig wurde es gar nicht auf „meinem“ Camino. So viel kann ich verraten. Weder bin ich mit irgendeiner Frage oder Denkaufgabe losmarschiert, noch kam im Laufe der Zeit etwas Weltbewegendes in meinem Kopf auf. Ich würde sagen, ich hatte einfach eine gute Zeit, natürlich mit der ein oder anderen Hürde zwischendurch. Wie im echten Leben eben.

Aber natürlich geht einem so das ein oder andere durch den Kopf, wenn man „sich nichts mehr zu sagen hat“ irgendwann… Jeder hängt immer mal seinen eigenen Gedanken nach. Und ein paar meiner Gedanken möchte ich auch gerne teilen.

Viana do Castelo

Reden und Reden Lassen

Die Pilger sind ja wirklich ein Völkchen für sich. Hier und da kommt man immer mit jemandem ins Gespräch wenn man will. Manchmal auch wenn man nicht will, aber das ist eher selten. Und ich habe dabei eine sehr interessante Beobachtung gemacht, die mir eigentlich nicht neu ist aber auf so einem Camino ist ja alles ein bisschen intensiver und es macht wirklich oft „Klick“!

Es gibt Menschen, die reden unheimlich gerne und im Zweifel auch überwiegend über sich selbst. Und dann gibt es Menschen, die reden unheimlich gerne, indem sie dir Fragen stellen und MIT dir reden wollen – im Wechsel! Das eine ist für den jeweils anderen Typ Menschen kaum bis gar nicht vorstellbar. Denn es sind wirklich zwei sehr unterschiedliche Typen Mensch: Die, die gerne reden. Und die, die gerne fragen und andere ebenfalls zu Wort kommen lassen. Dazwischen gibt es nicht so sehr viel.

auf der Zielgeraden für heute

Das wichtigste Learning ist hierbei: Die, die gerne selbst reden, die wollen gar nicht, dass du was sagst. Das nicht nötig und nicht erwünscht. Und die, die ein echtes Gespräch führen und auch hören wollen, was du zu sagen hast, die geben dir auch sehr gerne die Gelegenheit.

In welche der beiden Kategorien würdest du dich selbst oder die Menschen, die dir heute begegnet sind, einsortieren? Ich finde das hochspannend!

Und auch hier sind wir wieder bei Akzeptanz. Es ist wie es ist. Lass die Leute reden. Wenn sie nicht wollen, dass du redest, hör einfach nur hin oder geh weg!

Schmerzgeplagt zum nächsten Stempel

Hand aufs Herz: Was war das Nervigste am Pilgern?

Ständig hatte ich unterwegs den Ohrwurm von Pippi Langstrumpf, und wenn du denkst, das ist ja super nervig, dann verrate ich dir gern, was am zweithäufigsten passierte:

Mir fielen am laufenden Band sämtliche Peinlichkeiten und Fettnäpfchen ein, die ich schon alle so erlebt und mitgenommen habe. Warum und wieso, da bin ich nicht mehr dahinter gekommen, dafür haben drei Wochen nicht ausgereicht! Aber es ist unglaublich nervtötend, sich ständig und immer wieder an irgendeine peinliche Situation zu erinnern, die man am Liebsten sowieso schon längst vergessen hätte. Was wollte mir der Camino damit bloß sagen???

♥

Manche Dinge kann man einfach nicht ändern – und muss man auch nicht

Nicht alles ist mir ein Rätsel geblieben, ich habe auch einiges gelernt, wenn auch unter Umständen verbunden mit körperlichen Schmerzen. Zum Beispiel, dass es okay ist, eine Pause zu machen, wenn es nötig ist. Eine kurze oder mehrere kurze. Oder eben eine lange oder mehrere lange. Das reduziert nicht meinen Wert und auch nicht zwingend und unmittelbar meine Leistung.

Stark damit verbunden ist der Satz, der auf dieser Reise mit Abstand der am häufigsten von Philipp gesagte war: „Es ist, wie es ist.“ Das kann man auf kaputte Knochen beziehen, aber auch auf alles andere. Auf dem Pilgerweg, wie auch im gesamten Leben. Und damit fein zu sein, ist die große Kunst. Es ist, wie es ist. Aber in der Akzeptanz, bitte. Nicht in der Resignation oder Gleichgültigkeit, wenn´s geht.

Redondela

Plan B? Plan später!

Einer meiner häufigsten Sätze (zu Phil) war: „Das sehe ich dann.“ oder „Ja, das sehen wir, wenn es soweit ist.“ Völlig untypisch für mich aber auf dem Camino machte es nur so Sinn für mich!

Philipp und ich neigen beide dazu, uns eine Platte zu machen, über Dinge, die noch gar nicht eingetreten sind und sehr wahrscheinlich auch gar nicht eintreten werden. Da sind wir sehr im Kopf (und manchmal in der Panik), und spätestens auf dem Camino habe ich begriffen, dass das absolut keinen Sinn macht, sondern mir nur Nerven und Energie raubt, wenn ich mir über ungelegte Eier den Schädel zerbreche.

Schmerzgeplagt zum nächsten Stempel

Werde ich morgen die Etappe gehen können? Sollte ich überhaupt noch gehen? Gehe ich dann übermorgen auch oder kann ich dann irgendwann gar nicht mehr auftreten? Werde ich einen Arzt brauchen? Was machen wir, wenn ich einen Überlastungsbruch erleide? Würde die Versicherung eigentlich bezahlen, und wenn ja, was genau? Werde ich in dieser oder jener Apotheke dieses oder jenes bekommen? Was wenn nicht? Usw usw usw! – Antwort: Das sehe ich DANN! – Das nimmt enorm Druck raus! Hoffentlich kann ich diese Haltung ein bisschen in den Alltag „rüber retten“.

Redondela

Dankbarkeit und Wertschätzung

Erfahren wir alle sehr gern. Aber wahrscheinlich zu selten. Fangen wir doch alle mal bei uns selbst an. Prüfen wir mal, an welcher Stelle wir dankbar sein können, jeden einzelnen Tag. Und schauen wir auch, was oder wen wir wertschätzen und, vor allem, wie wir das zum Ausdruck bringen können! Klingt einfach, ist aber gar keine leichte Aufgabe. Oder? Das geht auch -und insbesondere- an mich: ÜBEN!

Arcade

Hier und Jetzt

Genieße den Moment. Auch ein sehr wichtiger Punkt. Sei es das Wetter oder das Panorama der Wanderetappe, solange es schön ist, habe ich mich exakt darauf konzentriert. Denn es kann und wird schnell vorbei sein damit. Und die nächste Etappe ist dann vielleicht total öde.

Und an so einem Tag wiederum, hilft dann der Gedanke, wie schön es doch „gestern“ war und wie schön es wahrscheinlich „morgen“ sein wird. Denn auch das Schlechte geht wieder vorbei.

In jedem Fall, egal ob schön oder nicht schön, gilt: „Auch das geht vorbei.“ Es ist gar nicht verkehrt, diesen Satz zu verinnerlichen. Und in der Tat hilft er mir auch in der Zeit nach dem Camino durch viele blöde Tage!

Arcade

Gesundheit ist das A&O – und meine eigene Verantwortung!

Trotz zu hohem Körpergewicht, habe ich doch etliche Kilometer Weg geschafft! Für eine eher untrainierte und nicht besonders sportliche Person, ist das nicht gänzlich zu ignorieren, sondern ich darf mich darüber freuen und bin ziemlich begeistert, was mein Körper zu leisten imstande bereit war, obwohl ich ihm währenddessen eine schrecklich ungesunde Ernährung habe zukommen lassen (müssen).

Und daran anschließend einmal mehr die Erkenntnis, wie wichtig mir gesunde Ernährung ist, die den Körper mit Vitaminen und Nährstoffen versorgt, und das vorzugsweise pflanzenbasiert und zuckerarm! Wenn ich zu Hause das nächste Mal schludere, werde ich mich an den Camino erinnern, und wie sehr ich mir dort vernünftiges Essen gewünscht habe. Es klingt vielleicht schlimmer als es wirklich war, ich will es nicht dramatisieren, ich habe keinen Hunger gelitten. Aber besonders nahrhaft und gesund war es in der Regel nicht.

Camiño complementario en O Pobo

Pilgern – das natürlichste der Welt

Übrigens: Auch habe ich verstanden, dass Gehen das natürlichste ist, das der Mensch tun kann, gleich nach Atmen. Der Buchtitel „Laufen, Essen, Schlafen“ von Christine Thürmer könnte auch die Überschrift für unsere Pilgerreise sein. Und so langweilig wie das für dich unter Umständen klingt, ist genau dieser Tagesablauf das BESTE, was man sich vorstellen kann und das BESTE, das man sich selbst schenken kann. (Nur für den Fall, dass du gerade noch überlegst, ob du selbst mal einen Camino laufen möchtest!)

Altstadt Pontevedra

Nicht nur das Gehen an sich entspricht so unfassbar stark der menschlichen Natur, auch die meist sehr grüne Umgebung, in der wir uns aufgehalten haben, besser geht es einfach nicht! Waldduft bzw. Waldluft ist die beste Luft überhaupt, und war sehr häufig präsent. Und auch unabhängig vom Geruch, waren wir sehr „wach“ und haben beispielsweise unwahrscheinlich viele verschiedene Bäume und Blumen wahrgenommen. Einfach nur toll! Marianne konnte natürlich viel mehr davon benennen als wir, was eine Bereicherung für mich war.

Das ist der malerischste Abschnitt heute...

Man braucht in Wirklichkeit so wenig

Apropos „Laufen, Essen, Schlafen“. Genau darauf reduziert sich alles auf so einem Camino! Das ist ein sehr artgerechter Alltag und zeigt auf, wie wenig man in Wirklichkeit braucht. Bewegung, Nahrung, Schlaf. Und gerne auch noch eine Dusche. Und generell hygienisch akzeptable Zustände bitte. Und schon ist man eigentlich völlig zufrieden. Man setzt seine Prioritäten definitiv anders auf so einer Reise!

Camiño complementario en O Pobo

Und braucht man auch nur sehr wenig Geld, oder wie?

Das ist eine berechtigte Frage aber die Antwort ist sehr individuell unterschiedlich und von vielen Faktoren abhängig. Wie reist du zum und vom Start-/Zielort an und ab? Welche Unterkunftsart bevorzugst du? Benötigst du Transfers? Wünschst du Gepäcktransport? Wie einfach oder exklusiv soll es kulinarisch betrachtet auf deiner Reise zugehen? Und vieles mehr.

Klammern wir An- und Abreise einmal aus und betrachten zum Beispiel die Unterbringungsmöglichkeiten. Im Mehrbettzimmer in der Pilgerherberge bekommst du meistens ab 10€ pro Nacht etwas. Ein Einzelzimmer mit Badezimmer in einem Hotel wird als Einzelperson wohl eher bei 50-100€ pro Nacht liegen, wenn du Glück hast inklusive Frühstück. Das ist also eine sehr große Spanne und dazwischen ist so einiges möglich.

Atemberaubende Küstenlandschaft

Allein daran siehst du also schon, wie unterschiedlich teuer oder günstig man seinen Jakobsweg gestalten kann. Natürlich ist auch ein Mix unterschiedlicher Unterkünfte denkbar. So kannst du eine grobe Mischkalkulation starten, vorausgesetzt du hast schon einen ungefähren Plan, wie viele Etappen du gehen willst.

Ein anderer großer Punkt ist natürlich die Verpflegung. Ein Pilgermenü findest du den gesamten Camino entlang in den meisten gastronomischen Einrichtungen. Es besteht in der Regel aus drei Gängen inklusive Wasser/Wein und liegt normalerweise bei 10-15€… Die Portionen sind sehr üppig aber nie vegetarisch. Vegetarier müssen fragen und/oder nach Karte essen. (Veganer sind auf dem Jakobsweg, meines Erachtens, verloren.)

Atemberaubende Küstenlandschaft

Außerdem kann man sagen, dass die Preise auf dem Abschnitt des Weges in Portugal tendenziell günstiger sind als später in Spanien! Zwar wurden wir auch in Spanien das ein oder andere Mal positiv überrascht mit extrem günstigen Preisen, aber insgesamt betrachtet, war unser aller Gefühl eher, dass es Richtung Santiago immer teurer wurde. Aber, keine Sorge, längst nicht so teuer wie in Deutschland.

Man kann sich also sehr gut und verhältnismäßig günstig verpflegen, schließlich gibt es auch Bäckereien und Supermärkte, die den einen oder anderen Restaurantbesuch ersetzen können und dann wird man auch schon mal, weniger schick, für um die 5€ satt.

Rain again...

Unterkünfte vorbuchen oder nicht?

Ich kenne nur die eine Variante. Die mit dem Vorbuchen. Die andere kann ich nicht beurteilen. Das macht mir aber nichts, ich möchte die spontane Variante auch gar nicht beurteilen können, denn mir hat es gut gefallen, wie wir es gemacht haben!

Ich würde jederzeit wieder den Jakobsweg mit gebuchten Unterkünften und Gepäcktransport (dazu weiter unten mehr) machen, weil das nun mal meinem Naturell entspricht. Wenn es sein muss, kann ich zwar auch spontan sein, aber Struktur, Ordnung und Organisation passen sehr gut zu meinem Wesen, sie sind auch sehr wichtig in meinem Beruf, und darauf möchte ich auf Reisen erst recht nicht verzichten.

In Spanien "angelandet".

Was mir ein angenehmes Gefühl von Sicherheit und Vorbereitet-Sein beschert, ist für andere aber eher Zwang und überhaupt nicht passig. Weil sie maximale Freiheit und möglichst großes Abenteuer wünschen und das Ganze deshalb so planlos wie möglich angehen wollen. Es ist ihnen egal, wann und wo sie nach einem Pilgertag landen, die spontane Einkehr, egal wo, nehmen sie liebend gerne in Kauf, dafür müssen sie nicht bis zu einem bestimmten Ort laufen, der vorgebucht ist und ihnen an diesem Tag vielleicht zu weit erscheint bzw. andersherum eigentlich viel zu nah dran ist weil es sich gerade so gut läuft.

Caldas de Reis

Für mich hingegen ist es beruhigend, zu wissen, was den Tag über so ansteht, welche Kilometerzahl ich schaffen muss, und dass ich am Ende ganz sicher eine Bleibe habe, nicht suchen muss, und mein Gepäck schon auf mich wartet.

Und da uns ein Reiseveranstalter die gesamte Planung und Buchung abgenommen hat, durfte ich mich sehr wohl in ein wenig Spontanität, Gelassenheit und Loslassen üben, denn ich hätte heute noch nicht alle 18 Unterkünfte gebucht, weil ich immer noch Bewertungen lesen und Hotels ausschließen würde. Zu Recht zwar, aber das ist ein anderes Thema. Da hatte ich also kein Wörtchen mitzureden und musste es nehmen wie es kommt. Und das war letztlich gut so!

Oia

Welche Kleidungsstücke sollte man mitnehmen?

Detailliert gehe ich darauf in meiner Packliste ein. Das Wichtigste aber gern auch jetzt: Wir hatten uns vor der Reise mit unwahrscheinlich vielen Merinowolle-Produkten (nicht unter 80% Merino-Anteil!!) eingedeckt. Schlüpper, T-Shirts, Stirnband, Bluffs, Socken.

Diese Merino-Kleidungsstücke kann man problemlos mehrmals tragen, ohne dass sie riechen! Und wenn es dann soweit war, haben wir (insgesamt zweimal in drei Wochen) einen Waschsalon aufgesucht und auch ab und zu mal ein Teil unter der Dusche gewaschen mit Rei aus der Tube. Das entspricht uns und unseren sonstigen Gewohnheiten zwar überhaupt nicht, aber das kann man ruhig mal machen!

Oia

Wie bestückt man den Kulturbeutel?

Pflege- und Kosmetikprodukte haben wir fast gar nicht gebraucht. Das wichtigste war Zahnputzzeug, Rasierzeug und Shampoo/Duschgel, wobei dies zum Teil in manchen Unterkünften auch gestellt wurde, da wir nicht in Herbergen unterwegs waren. Alles andere kann man getrost zu Hause lassen, insbesondere Schminke, das kostet nur unnütz Zeit und Nerven und ist einfach überflüssig. Wirklich niemanden interessiert es, wie du aussiehst und ich habe auch keine anderen (übertrieben) geschminkten Frauen gesehen, eher im Gegenteil.

Wichtiger ist da schon eine gut durchdachte Reiseapotheke, aber auch dazu mehr in meiner kampferprobten Packliste. Und als kleiner Reminder: Zum Thema Schmerzmittelkonsum (auf dem Camino) habe ich mich HIER schon mal geäußert.

Pilgersteine

Würde ich das nächste Mal wieder den Gepäcktransport nutzen?

Ich gebe es zu: Ich möchte am Liebsten sofort wieder los, jeden einzelnen Tag nach dem Camino denke ich noch an ihn! Und ich kann die Frage nach dem Gepäcktransport klipp und klar mit JA beantworten. Gepäcktransport haben wir auf dem Klosterwanderweg 2020 kennen und lieben gelernt und auch jetzt auf dem Jakobsweg ungemein genossen!

So ein schöner Tag!

Ich finde Gepäcktransport wirklich völlig legitim und ich habe HIER bereits erwähnt, dass ich damit bei weitem nicht alleine bin. Wer aber lieber selbst schleppen möchte: Feel free! Go for it! Du wirst deine Gründe haben und es spricht auch nichts dagegen! Es ist jedem seine eigene, persönliche Entscheidung und beide Varianten sind absolut gut!

Wie viele Blasen hatte ich an den Füßen?

Große Überraschung! Keine einzige! Philipp auch nicht! Wenn wir vor der Reise EINE Sorge gehabt haben, dann die vor Blasen! Wir hätten den gesamten Camino mit Blasenpflastern versorgen können!

Start unseres Mammutmarsches von Oia nach Baiona

Aber tatsächlich bin ich davon überzeugt, dass unsere Kombi aus vernünftigen Wandersocken und bewährten, gut sitzenden Wanderschuhen Blasen unmöglich machen.

Vernünftige Wandersocken heißt für mich, dass diese einen möglichst hohen Anteil Merinowolle haben und gerne auch hochpreisig und vom berühmtesten deutschen Sockenhersteller sind, wenngleich ich zugeben muss, dass ich sogar mit den zusätzlich angeschafften Billig-Wandersocken perfekt zurecht gekommen bin, aber auch die haben einen sehr hohen Merino-Anteil, darauf schwöre ich. So lange sie exakt sitzen, sollte da nichts schief gehen! Auch die kann man wunderbar mehrmals tragen weil sie über Nacht einwandfrei trocknen! (Bei Zweifeln im Wechsel, also ein Paar nur jeden zweiten Tag.)

Bei dieser Landschaft geht einem das Herz auf

Die (Wander-) Schuhe sollten natürlich schon eingelaufen sein, idealerweise hat man sich bei der Wahl des Modells beraten lassen oder aber wenigstens selbst reichlich recherchiert und im Laden ordentlich ausprobiert, anstatt einfach online zu kaufen und dabei nur nach Optik und Preis zu gehen. Der Schuss dürfte ziemlich sicher nach hinten losgehen!

Und zum Thema Fußpflege, was ja fast schon eine „Religion“ ist unter Pilgern, äußere ich mich auch noch vorsichtig: Vom vielfach angepriesenen Hirschtalg halte ich persönlich nicht viel, denn der ist nicht vegan, und vegane Alternativprodukte haben mich auch nicht angesprochen. Ich hatte also lediglich eine günstige pflegende Hornhautreduzier-Creme in Verwendung, mal habe ich diese morgens benutzt, mal abends, manchmal beides. Niemals zwischendurch, das halte ich für nicht erforderlich und zu umständlich. Aber da muss natürlich jeder seine Vorliebe selbst finden und auf seine eigenen Füße und deren Bedürfnisse abstimmen.

Kurz vor Baiona

Gegen die Schmerzen habe ich zusätzlich im Wechsel Eisgel, Arnica-Creme und eine Schmerzsalbe verwendet, aber auch da kann man sich natürlich Alternativen überlegen.

Dringend abraten würde ich von Geheimtipps à la Ich-ziehe-zwei-Paar-Socken-übereinander-damit-ich-keine-Blasen-bekomme-und-wenn-doch-dann-steche-ich-sie-eben-auf. Ungetestet halte ich das für äußerst dumm und unhygienisch aber ich kann natürlich niemanden aufhalten (und weiß, dass viele darauf schwören)!

Oia

Wann ist eigentlich die beste Jahreszeit für den portugiesischen Jakobsweg?

Die beste Zeit ist immer JETZT! – Mit einem Augenzwinkern zu lesen. Aber irgendwie stimmt es auch. Will sagen: Es ist wirklich fast egal!

Wenn du völlig frei bist zwischen Januar und Dezember, hast du wirklich die Qual der Wahl. Und du kannst hundert Pilger fragen und wirst hundert verschiedene Antworten bekommen! Meine lautet wie folgt.

Das Örtchen Fao

Die absolute Hochsaison ist April, Mai. Das haben mir etliche Hoteliers erklärt. Angeblich wegen des schönen Wetters: nicht mehr so nass, aber noch nicht zu heiß. HA! Wirklich? – Nein! Natürlich nicht! Also in der Theorie schon! Aber in Wirklichkeit geht dieser Plan nur mit sehr viel Glück auf! Dieses Jahr zum Beispiel, da lag April, Mai direkt nach unserem Camino und ich kenne jemanden, der in dieser Zeit denselben Weg gegangen ist und zwar fast drei Wochen lang im Dauerregen! Wohingegen wir im Mai 2023 in Porto noch felsenfest davon überzeugt waren, den Weg niemals im Mai zu gehen, aber aus dem Grund weil es uns viel zu heiß und einfach nie auch nur bewölkt gewesen war!

Das ist der malerischste Abschnitt heute...

Es kann einfach immer wirklich alles passieren! Und genau deshalb haben wir auch bewusst den März genommen. Wenn ich darüber nachdenke, haben wir aus selbigem Grund auch einst im März geheiratet. Schönes Wetter ist da nicht zu erwarten. Hatten wir dann aber doch (auf unserer Hochzeit 2017 und auch auf dem Camino 2025). Das ist doch eine viel schönere Überraschung, als wenn man sich ärgert, im Mai, Juni oder Juli an einem Regentag zu heiraten oder zu pilgern…

März ist auf dem Camino also Off-Season und vom Wetter her entsprechend unsicher. Aber sind das nicht eigentlich alle Monate? Unsicher?! Du kannst die windstillen 20 Grad mit abwechselnd Sonne und Wolken eben leider nicht vorbuchen!

Vila Praia de Ancora

Wir hatten im März jedenfalls eine tierisch gute Zeit und waren hochzufrieden mit unserer Wahl: Wir haben mal drei Tage Dauerregen mitgemacht, um unsere extra eingekauften Regensachen auszuprobieren, jetzt können wir auch da mitreden! Und ansonsten hatten wir gutes bis sehr gutes Wetter! Genauso lief es im April für jemanden, den ich kenne.

Aber ganz besonders haben wir im März die Ruhe genossen, weil in diesem Monat der Camino noch nicht aus allen Nähten platzt! Und deshalb würde ich eine solche Zeit immer wieder wählen. Man trifft natürlich andere Pilger und hat durchaus die Chance auf Jakobsweg-Gespräche, reichlich sogar! Aber man läuft nicht grundsätzlich Kolonne, wie zu anderen Zeiten, wenn man den Weg vor lauter Pilgern nicht mehr sieht!

Unsere Bleibe heute Nacht.

Wie komme ich an die Compostela?

Wenn du dir dein „Zertifikat“ am Ende des Pilgerwegs abholen möchtest, musst du mindestens die letzten 100km durchgepilgert sein und mindestens zwei Stempel pro Tag gesammelt haben. Im Pilgerbüro in Santiago wird dies unterschiedlich streng kontrolliert, bei mir, genau genommen, gar nicht.

HIER und HIER habe ich dazu auch schon ein bisschen was geschrieben, damit dürftest du alle Informationen haben, die du brauchst. Es ist jedenfalls nicht so kompliziert wie es mir vor, und auch teilweise während, der Reise vorkam, wenn ich dieses Thema versucht habe nach zu lesen.

im Pilgerbüro

Der Zeitaufwand am Pilgerbüro für die Compostela fällt sehr unterschiedlich aus und hängt mitunter stark von dem Monat deiner Pilgerreise ab. Im Absatz zuvor habe ich schon die Nebensaison angepriesen und an dieser Stelle wiederhole ich dies gerne. Während im Sommer gut und gerne stundenlang angestanden wird und so mancher Pilger am nächsten Tag erneut sein Glück versuchen muss, hatten wir am 04.04. exakt null Komma null Wartezeit!

Am Tag vor unserer Ankunft, das konnte ich nachlesen, sind 692 Pilger in Santiago angekommen, das war ein Donnerstag. Am Tag nach unserer Ankunft sind 1129 Pilger in Santiago angekommen, das war ein Samstag zwei Wochen vor (und damit noch weit weg genug von) Ostern! Leider habe ich nicht mehr herausgefunden, wie viele Pilger es an unserem Tag des Zieleinlaufs gewesen sind!

Unsere Bleibe heute Nacht.

Im Mai sind es in der Regel deutlich über 2000 Pilger pro Tag. Gerne auch mal 3000. Natürlich kommen die nicht alle vom portugiesischen Jakobsweg sondern von allen möglichen Jakobswegen, aber die portugiesische Küstenvariante ist immerhin für die drittgrößte Pilgerzahl von allen Wegen „verantwortlich“!

Bedenke außerdem, dass dies nur die offiziell registrieren Pilger sind, die sich auch die Compostela holen. Gott allein weiß, wie viele Pilger darauf verzichten.

In Spanien "angelandet".

Was hat mich am meisten überrascht?

Ein netter Nebeneffekt der Reise war: Wir haben uns auf dieser sehr herausfordernden und langen Tour weniger gestritten als in allen anderen Urlauben bisher. Es war einfach eine gewisse Grund-Harmonie vorhanden, damit hatten wir beide nicht gerechnet.

Wahrscheinlich weil jeder so seine täglichen Aufgaben hatte, und wenn es sich dabei nur um eine gewisse Organisation und Körperhygiene handelte. Und auch weil wir einen klaren gemeinsamen Auftrag hatten, und zwar den, von A nach B zu gehen. Die kleineren und größeren Hürden, haben wir dabei generell als Team gemeistert. Und nach „Feierabend“ war jeder auch mal ein bisschen für sich, obwohl meist im selben Raum. Das hat einfach richtig gut geklappt! Pilgern mit Partner kann ich, entgegen all meiner Erwartungen, wirklich sehr empfehlen!

Natur, Sonne und stille Gemeinschaft

Schlusswort

Am allerwichtigsten war für mich die Erkenntnis, dass man gar keine lebensverändernden Erkenntnisse gewinnen MUSS auf einem Pilgerweg! Ich MUSS keine erleuchtenden Gedanken haben. Ich MUSS mich nicht selbst suchen oder finden. Ich MUSS einfach gar nichts. Gehen muss ich, ja. Aber auch DAS, nur in meinem eigenen Tempo! Und zwar ohne dabei zwingend ein riesen Thema im Kopf zu wälzen und nach der Reise zum Beispiel den Job zu kündigen, den Partner zu wechseln oder die Stadt zu verlassen. Nein, man darf auch einfach so pilgern. Man darf auch einfach nur SEIN.

Traumhaft schön

THE END.