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Montag, 17. März 2025
„Walk this way“! (Aerosmith)
Wanderetappe Labruge nach Vila do Conde ca. 10 km
Strecke/Geh- und Pausenzeit leider nicht aufgezeichnet am 1. Pilgertag
Der frühe Vogel… daddelt rum
Heute geht es los! Und ich bin schon um 5 Uhr wach! Das liegt zum einen natürlich daran, weil wir gestern schon um 20 Uhr geschlafen haben, aber auch daran, dass es zu Hause 6 Uhr ist, und da klingelt mein Wecker für gewöhnlich.
Heute klingelt unser Wecker erst um halb sieben, deutsche Zeit halb acht, deshalb habe ich sehr viel Zeit, schon mal wach zu werden, Grüße in die Heimat zu senden und ein bisschen in meiner Portugiesisch App zu stöbern, bis es dann ab sieben Uhr endlich Frühstück gibt!
Und das ist eine wahre Pracht! Im Gegensatz zu den winzigen, einigermaßen abgerockten Zimmern, erwartet uns hier Qualität wie auch Quantität, da kann man nicht meckern. Zwar ist die süße Auswahl natürlich bedeutend größer als die herzhafte, aber das soll keine Beschwerde sein, für unseren Start in den Tag ist es mehr als ausreichend.
Transfer nach Labruge
Als wir um viertel nach acht auschecken, treffen wir noch auf weitere wandermäßig gekleidete Gäste. Einige von ihnen fahren im mutmaßlichen Mietwagen davon, andere haben ein Taxi bestellt. Bleiben Marianne und wir übrig, unsere Mitreisende für die gesamten drei Wochen, auch wenn wir das jetzt noch nicht wissen. Unser Reiseveranstalter hat uns für halb neun einen Fahrer gebucht, während das Gepäck an der Rezeption bleibt, das holt später ein anderer Fahrer!
Im ganz schön rasanten Tempo, das gibt sogar Philipp zu, bringt uns unser Fahrer in weniger als einer halben Stunde, größtenteils durch Stadtverkehr, an den 21km entfernten Startpunkt unserer Wanderung: Labruge ist eine kleine Gemeinde ungefähr auf Höhe des Flughafens Porto (der nördlich der Stadt liegt), weshalb einige Pilger auch direkt am Flughafen loslaufen (!), entweder bis nach Labruge oder sogar direkt noch weiter! Hardcore!
Wir erfahren zwischen Porto und Labruge zunächst eine ganze Menge über Marianne, ihren Mann (zu Hause in Deutschland) und ihre 88-jährige Mutter. Zu Wort kommt man nicht wirklich aber nett und sympathisch ist die aufgeweckte Frau uns dennoch.
Auf dem Holzweg
Die Küstenvariante des Caminho Portugues besteht auf vielen Kilometern aus Holzplankenwegen durch die Dünen. Und genau so laufen wir los! Nach gegenseitigen Start-Fotos lässt Marianne sich zurückfallen und wird in ihrem eigenen Tempo gehen, ihrer eigenen Aussage nach, einem sehr langsamen. Da auch ich eher langsam unterwegs bin, vermute ich, dass wir uns vielleicht doch gegenseitig einholen werden, aber es wird sich herausstellen, dass wir sie heute nicht mehr wieder sehen.
Unsere angenehmen 10 Kilometer nach Vila do Conde sind jedenfalls keine allzu herausfordernde Angelegenheit. Das liegt wahrscheinlich u.a. an der anfänglichen Pilger-Euphorie aber auch an dem angenehmen Wetter, das zwar eher wolkig und nur selten sonnig daher kommt, aber es ist nicht sonderlich kalt und nieselt nur einmal kurz. Das ist schon mehr als wir uns gewünscht hatten, und somit sind wir dahingehend absolut zufrieden.
Besonders spannend finde ich, wie wir offenbar direkt hineingeworfen werden in den Pilgeralltag, in dem es ganz gewöhnlich ist, auf einmal dazu zu gehören, zu jenen, die unschwer an ihrer Kleidung und Ausrüstung zu erkennen sind, und sich in der Regel freundlich bis glücklich mit einem „Bom caminho“ gegenseitig grüßen.
Aber auch die nicht-pilgernden Spaziergänger sagen fast ausnahmslos „Bom dia“, schon nach kürzester Zeit sage ich zu Philipp, dass mich derart viele Menschen zu Hause in unserem Dorf definitiv nicht (zurück) grüßen! Das ist ernüchternd und gleichzeitig geht einem hier dadurch das Herz auf.
Insgesamt sind aber noch nicht übertrieben viele Pilger unterwegs, streckenweise sind wir überhaupt die einzigen Menschen weit und breit, das liegt wahrscheinlich an der Jahreszeit. An anderen Abschnitten begegnen einem dann zwar doch wieder mehr Menschen, aber es ist sicherlich kein Vergleich zu den Sommermonaten, wo man unter Garantie in einem Meer aus Pilgern unterwegs ist. Das stelle ich mir nicht so toll vor.
Ungefähr auf halber Strecke, in Mindelo, wollen wir nun endlich unseren ersten Stempel ergattern. In Porto wollten wir keinen im Hotel, denn dort sind wir ja nicht los gewandert oder hätten irgendetwas geleistet. In Labruge gab es keine Möglichkeit. Und in Mindelo ist es jetzt soweit!
Auf gut Glück stoppen wir an einem Kiosk, wo wir windgeschützt einen doppelten Espresso einnehmen können und der ältere Herr hat auch einen Stempel für uns. Ein Stempel pro Tag muss es sein, bzw. ab 100km vor Santiago zwei pro Tag, wenn man die Compostela (Urkunde) in Santiago erhalten möchte. Das peilen wir im Moment auch so an.
Schon heute tut mein rechter Fuß irgendwie weh, das kenne ich so nicht aus diesen Wanderschuhen! Vielleicht habe ich zu fest geschnürt, eine andere Lösung will mir dafür nicht einfallen, also wäre es gut, wenn es nur daran liegt! Morgen probiere ich eine andere Schnürung aus.
Und dann liegt Vila do Conde schon direkt vor uns, das ging schnell! Um 9 Uhr sind wir los gelaufen, um viertel nach 12 sind wir schon am Hotel. Und das obwohl wir reichlich Fotostopps und Aussichtspausen eingelegt haben. Aber einchecken können wir noch nicht, erst ab halb zwei!
Stimmiger Stopp in Vila do Conde
Die entspannte Kleinstadt besitzt ein großes Kloster, an dem wir beim „Einlauf“ über die Ponte Sobre O Rio vorbei kamen. Ein unübersehbarer, prächtiger Bau, aber wir wollen es tatsächlich nicht besichtigen sondern uns unsere Kräfte gut einteilen. Auch das bekannte Aquädukt, nicht weit entfernt, kann uns nicht locken, schließlich haben wir morgen fast die doppelte Wanderstrecke!
Aber bis wir einchecken können, wollen wir die Gastronomie des Ortes testen und gehen in das Restaurant, dass uns die Rezeptionistin auf meine Frage hin empfohlen hat. Daran waren wir gerade schon vorbei gekommen und ich hatte damit sowieso schon geliebäugelt.
Es stellt sich heraus, dass das gerade mal 40 Personen fassende Restaurant eigentlich viel zu schick ist für uns durchgeschwitzte Pilger, aber nun gut. Ich hatte extra gefragt im Hotel, ob das so geht mit unserem Outfit, und die Kellnerin weist uns auch nicht ab, also bleiben wir. Kurz nach uns kommen noch drei Nicht-Pilger und mehr Gäste sind eh nicht da. Warum eigentlich? Es ist unglaublich lecker und weit entfernt von standardmäßigem Geschmack. Ja, wir bezahlen auch einen entsprechenden Preis dafür, was uns eigentlich fernliegt, aber es hat sich jetzt nun mal so ergeben und lohnt sich auch!
Anschließend möchte ich noch in die Kaffeerösterei zwischen Restaurant und Hotel, was sich ebenfalls als absolut lohnend erweist. In einem Keller mit Gartenzugang sitzen wir auf supermodernen Möbeln in einem jungen, freundlichen Ambiente, außer uns sind noch zwei Pilgerinnen hier, alles andere sind jüngere Menschen, die das Café als Co Working Space nutzen. Ich mag so etwas total gerne und wünschte, auch ich könnte ortsunabhängig in solchen Locations arbeiten…
Nach Dirty Chai, Matcha Latte und Pistazien Cheesecake ergattern wir auch hier noch einen Stempel, und dann gehen wir unser Zimmer beziehen. Es ist klein aber fein und gefällt uns auf Anhieb viel besser als das in Porto letzte Nacht! Mit diesem Zimmer können wir absolut leben, drei Sterne sind eben manchmal doch viel besser als vier! Sauber, hell und Stauraum sind unsere Top-Kriterien!
Nach einer kurzen Pause in der Horizontalen, brechen wir noch einmal auf, weil Philipp schon anfängt zu schnarchen und das brauche ich jetzt echt (noch) nicht! Wir brauchen noch Wasser und Snacks und außerdem haben wir beide (!) zu Hause Haarbürste und Kamm vergessen! 15 regnerische Gehminuten entfernt im Lidl [!keine Werbung!] werden wir glücklicherweise fündig. Für später haben wir Kräuterbaguette und Cashewkerne im Gepäck, somit sind wir für heute versorgt.
Auf dem Rückweg telefoniere ich mit meinen Eltern und gegen 16.30 Uhr sind wir zurück im Hotel. Um die Ecke hinter den Fahrstühlen hatte Philipp vorhin schon eine Art „Wohnzimmer“ entdeckt, dort lassen wir uns nun mit Buch und Tablet nieder. Einen Raum weiter gibt es noch mehr Sofas und sogar einen Billardtisch. Alles super schick und gemütlich! Ich sag´s ja… Drei Sterne können so viel schöner sein als vier! Was ich jetzt noch nicht weiß, ist, dass ich meine Meinung zu dem Hotel hier in Vila do Conde noch ein wenig ändern werde…
Und der Kopf?
Einen Tag vor Abreise fragte Mama mich, ob ich mir ein Thema für den Weg, für den Kopf, mitnehme. Gute Frage! Aber, nein, eigentlich nicht, obwohl ich weiß, dass es den meisten so geht. Aber ich habe da nichts Konkretes im Sinn, sondern will schauen, was so kommt.
Heute war es definitiv zunächst der viele Müll am Wegesrand. Traurig. Darüber hätte ich die gesamten zehn Kilometer nachdenken können, ein sehr umfassendes Thema in die unterschiedlichsten Richtungen. In Wirklichkeit wurde es aber gar nicht ausschweifender und auch nicht tiefsinniger, denn heute hatten wir uns noch einigermaßen viel zu erzählen und die Stimmung war harmonisch genug, als dass man schweigend und sinnierend nebeneinander her laufen würde. Auch Langeweile kam keine auf, die Situation ist einfach noch zu neu, die Umgebung ungewohnt, mal schauen wie sich das entwickelt.
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