Mit meinem Papa verbrachte ich im Sommer 2017 ein paar Tage in Aachen, um die Stadt anzusehen und dem CHIO Reitturnier beizuwohnen. Ein paar Tagesausflüge standen auch auf dem Programm, darunter Lüttich. Die gesamte Reise kannst du hier nachlesen.
Oder du bleibt auf dieser Seite, wo es nur um Lüttich geht und der Text etwas überarbeitet worden ist:
Mittwoch, 26. Juli 2017
10Uhr. Zeit in Aachen aufzubrechen.
Der ICE nach Lüttich fährt nur alle zwei Stunden, also sollten wir den um 10.20 Uhr am Besten auch erwischen!
Die belgische Kleinstadt liegt knapp 20 Kilometer hinter der Grenze zu Deutschland, in der Region Wallonien, und ist von Aachen aus per Bahn in nur 20 Minuten erreichbar. Da der ICE die einzige Möglichkeit auf Schienen ist, können wir leider nicht auf einen günstigeren Bummelzug ausweichen. Die kurze Fahrt ohne Zwischenstopp kostet uns pro Person und Strecke 20 Euro! Aber was soll´s, ist ja nichts Neues, dass Reisen in Deutschland (wenn auch über die Grenze hinaus) nicht unbedingt billig ist…
Angekommen in Liège, wie Lüttich auf französisch-belgisch heißt, sind wir massiv beeindruckt von dem wunderschönen Bahnhof! Unglaublich, oder? Aber der Bahnhof Liège-Guillemins von 2009 vom spanischen Architekten Santiago Calavatra ist eine Augenweide! Bei Ankunft wähnt man sich überhaupt nicht in einem Bahnhof, man sieht nur weißen Stahl und viel, viel Licht! – Der Grund warum hier tagsüber absolut kein elektrisches Licht benötigt wird! Allerdings gibt es kaum sichtbare Beschilderungen. Es ist sehr sauber aber den Weg hinaus aus dem Glaspalast muss man erstmal finden. Über Gleis 1 funktioniert das dann übrigens…
Den Rest des Tages stellt sich mir die Frage, wieso man diesen Bahnhof nicht aus den Medien oder aus Filmen kennt, er ist eine echte Sehenswürdigkeit, zweifelsohne ein Prestigeobjekt. Ich könnte mich totfotografieren!
11Uhr. Frühstück in Belgien.
Der Bahnhof gefällt uns so gut, dass wir direkt noch etwas bleiben und verweilen. Zugegebenermaßen sieht man „unter“ dem Bahnhof, wo sich auf Erdgeschossebene ein paar Geschäfte und Gastronomie befinden, nicht mehr viel von dem Bahnhof. Wir kehren bei meiner Lieblings-Kaffeekette mit der grünen Meerjungfrau ein ein und frühstücken ausgiebig und in aller Seelenruhe.
Ich frage mich, für welche Bauwerke der Architekt des Bahnhofes noch verantwortlich ist und finde im Nachhinein heraus, dass es zum Beispiel die Bahnhöfe in Zürich und Lyon sind aber unter anderem auch der neue Umsteigebahnhof am World Trade Center in New York City, was der Wahnsinn ist, denn der schoss mir als allererstes durch den Kopf, als ich aus dem Zug stieg in Lüttich! Und das obwohl ich den Bahnhof in New York nur in der Bauphase bzw. fertiggestellt nur von Fotos kenne! Ich bin begeistert.
Aber wir wollen mehr von Lüttich sehen! Dass der Bahnhof mehr oder weniger mein Highlight bleiben würde, kann ja niemand ahnen…
Wir gehen Richtung Fluss, der in diesem Fall, wie gestern schon in Maastricht, die Maas ist! Auch hier soll es Ausflugsboote geben, auch wenn darauf weit und breit nichts hindeutet. Macht aber nichts, denn wir kommen vom Bahnhof aus automatisch direkt auf die Anlegestelle des Lütticher Pendelbootes zu, das dort auch gerade abfahrbereit ist. Wir steigen ein, was sich als Glücksfall erweist, denn es fährt nur stündlich. Für ganz kleines Geld kann man hiermit gut Meter machen, denn vom Lütticher Stadtzentrum sind wir hier zwei Bootsstationen entfernt. Dies entspricht, an der Maas entlang, über zwei Kilometern.
13Uhr. Treiben lassen…
Die Touristeninfo in der Nähe des Bootsanlegers, an dem wir ausgestiegen sind, gibt wirklich nicht viel her. Das war in der Touristeninfo am Bahnhof schon so, also müssen wir klarkommen mit dem Möchtegern-Stadtplan, den wir vom Pendelboot haben bzw. dem, den ich mir zu Hause über Google Maps ausgedruckt hatte. Zunächst gehen wir aber gewollt planlos los, gelangen zum Place St. Lambert und entscheiden dort, die Treppen auf den Montagne de Bueren aufzusuchen.
Bis dort ist es nicht weit und wir finden den Weg auf Anhieb. Das ist auch besser so, denn es ist unser einziges konkretes Ziel heute und bisher hat mir das Umherstreifen in der Stadt nur mäßig gefallen. Lüttich ist in erster Linie grau, ich würde schon sagen schwarz, vermutlich rettet allein die Sonne den Tag. Denn endlich einmal strahlt sie ohne Unterlass und wir bleiben auch vom Regen verschont!
Die offiziell 374 Stufen -ich zähle 373- sind schneller erklommen als befürchtet aber ich bin trotzdem froh, dass es oben eine freie Bank gibt und wir mit einer gar nicht so schlechten Aussicht belohnt werden. Wir verweilen kurz und gehen dann einen anderen Weg wieder hinunter zurück Richtung Place St. Lambert. Der Zufall will es, dass wir dort die touristische Bimmelbahn erwischen, die hier stündlich auf eine kleine Rundtour startet.
14Uhr. Stadtrundfahrt.
Wir nehmen im zweiten von drei Waggons Platz, zahlen pro Person 7€ und bald darauf geht es mit etwas Verspätung auch los. In der Hoffnung, eine entspannte Stunde -im Sitzen- mit Blick auf ungeahnte Schönheiten der Stadt, zücke ich die Kamera. Angenehmerweise wird die Tour nicht nur auf Französisch sondern auch auf Deutsch kommentiert.
In Wahrheit sieht es dann so aus, dass der Waggon so viel hopst und ruckelt, dass ich mir neue Bandscheiben und einen Sport-BH herbei sehne, mal abgesehen davon, dass es nahezu nichts Sehenswertes unterwegs gibt. Abgesehen vom Bahnhof, denn dort fahren wir auch vorbei.
Lüttich gefällt mir am Besten an der Maas. Ein Fluss ist immer gut. Ist er zwar nicht das weite Meer, so schafft er doch Raum in einer Stadt, die an der Stelle des Flusses eben nicht bebaut sein kann sondern irgendwie ein bisschen Platz zum Atmen schafft. Allerdings ist die Maas hier gesäumt von der Hässlichkeit in Person (oder „in Gebäude“). In erster Linie Plattenbauten, in erster Linie dunkel, oftmals sogar leerstehend und extrem baufällig. (Stand: 2017)
Ich kann gar nicht sagen ob oder wie mir Lüttich gefällt. Die Stadt ist so dermaßen abgewrackt an den meisten Stellen und gleichzeitig fesselt sie weil man einfach nicht weiß, was man davon halten soll. Bei Regenwetter wäre mir die Entscheidung sicher leichter gefallen aber das heutige Wetter spielt einfach eine große Rolle und kommt der Stadt zugute. Gewiss habe ich schon andere Städte gesehen, die irgendwie ein bisschen verfallen sind. Aber die haben dann trotzdem ihren Reiz, einen eigenen angenehmen Charme. Wo man sieht, dass es früher mal schön gewesen ist. Das scheint hier nicht so zu sein…
Das einzige moderne Gebäude, das auffällt, ist -abgesehen vom Bahnhof selbst- der riesige Glasturm zwischen Bahnhof und Maas. Dort soll zum größten Teil das Finanzamt ansässig sein. Viele Lütticher mögen diesen Glaspalast nicht, denn für seinen Bau wurden viele alte Häuser und Wohnungen abgerissen und deren Bewohner vertrieben.
15Uhr. Das war also Lüttich…
Nach der Bimmelbahntour gehen wir in ein Einkaufszentrum, das sich direkt neben dem Haltepunkt der Bimmelbahn befindet. Die Auswahl der Geschäfte ist aber weit weniger attraktiv als erhofft und so gehen wir bald weiter Richtung Maas. Unterwegs wollen wir aber endlich mal etwas Belgisches probieren: Waffeln und Pommes. Leider müssen wir sagen, dass beides unseren Geschmack nicht trifft. Die Waffel finde ich gerade noch ok aber ich hab auch nur einmal abgebissen. Meine Portion Pommes schaffe ich mit Mühe zur Hälfte. Es passt halt alles irgendwie zusammen. Man nicht so richtig eine Meinung aber zum Brechen ist es auch nicht!
16Uhr. Wir sitzen in der Sonne an der Maas…
… mit Blick auf das sonnenbeschienene Flusswasser und die dahinter liegenden furchtbaren Klötze, in denen, und das muss man sich mal vorstellen, tatsächlich Menschen leben… Man kann es wirklich nicht schönreden!
Den Rückweg zum Bahnhof gehen wir bewusst zu Fuß, denn die Pendelbootstation wäre in die entgegengesetzte Richtung nicht viel näher dran gewesen. Im Starbucks [!keine Werbung!] am Bahnhof darf es noch ein Getränk sein und dann wollen wir die restliche Zeit bis Abfahrt des Zuges um 17.14Uhr verstreichen lassen. Doch wo? Oben an den Gleisen gibt es nahezu keine Sitzmöglichkeiten und draußen vor dem Gebäude eigentlich auch nicht! Wir tun es also vielen anderen gleich und platzieren uns auf der riesigen Treppe! Stören tut das zum Glück niemanden.
Wie auch in Aachen ist die Polizeipräsenz hier am Bahnhof übrigens enorm. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie das wohl im 40-ICE-Minuten entfernten Brüssel aussehen mag.
Fazit:
Es war gar nicht mal so schlecht. Wir müssen hier ja nicht leben. Eine Stippvisite Belgien, mit der Vorahnung, dass das Land sicherlich (hoffentlich) noch schönere Ecken hat. Trotzdem haben wir mal einen ersten Eindruck gewonnen und hatten ganz wunderbare Momente dabei!
Wenn du wirklich einmal in Lüttich stoppen wollen würdest, und auf eigene Faust unterwegs bist, empfehle ich dir einen sonnigen Tag, sowie nicht zu viel zu erwarten! Beschränke deinen Besuch auf densehenswerten Bahnhof, die Maas (zu Fuß oder per Boot) und die Bueren-Berg-Treppe. Auf der Treppe hat man was zu tun (viele Stufen…) und zum Schluss ein bisschen Aussicht! Alternativ bietet sich wahrscheinlich ein geführter Stadtrundgang an.
Der Tag in Bildern – zum Durchklicken:









