Redondela nach Arcade

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Redondela

Samstag, 29. März 2025

„Aint no mountain high enough“ (Tammi Terrell und Marvin Gaye)

Wanderetappe Redondela nach Arcade ca. 8 km

Gehzeit ca. 02h30, Pausenzeit ca. 30min

Doppeltes Frühstück

Unsere sehr schöne Unterkunft bietet uns heute ein sehr schlechtes Frühstück. Man nimmt es in der Parallelstraße in einem bestimmten Café ein und wahrscheinlich ist es gar nicht so viel schlechter als anderswo in den letzten zwei Wochen aber ich kann es einfach nicht mehr sehen: viel zu starker Kaffee, viel zu künstlich-süßer sogenannter „frisch gepresster“ Orangensaft, ein Stück Obst pro Person und dann jeder wahlweise ein Croissant oder ein getoastetes Stückchen Baguette mit Käse und Wurst und/oder Marmelade. Ich mag nicht mehr!

Und deshalb gehen wir nach dem auschecken, als um neun Uhr endlich das nahegelegene vegetarische Restaurant öffnet, dorthin! Hier war ich gestern Abend schon und wir bestellen uns zwei fancy Heißgetränke und ich gönne mir eine vernünftige, gesunde, nahrhafte Stulle, die die Bezeichnung „Lebensmittel“ auch verdient, denn sie ist garniert mit verschiedenen Sorten Hummus, Tomate und Microgreens, angerichtet wie ein kleines Kunstwerk!

Veganes Frühstück für mich

Kurzstreckenwanderung nach Arcade – Mein Kopf ist bei den Füßen

09.45 Uhr. Wir starten am vegetarischen Restaurant und brauchen rund zwei Kilometer um den netten Ort Redondela zu verlassen. Wir haben nicht viel von dem Städtchen gesehen, aber es macht auf uns einen sehr guten Eindruck, schade, dass für Erkundungen am Zielort selten noch Kraft übrig ist nach so einem Wandertag. Wir gehen dann immer nur noch das absolut Nötigste, d.h. zur Nahrungsaufnahme und/oder zu einem Supermercado weil wir Wasser brauchen.

Als es etwas grüner wird, treffen wir auch auf ein paar Schafe und recht bald auf ein Café. Hier legen wir schon sehr früh eine Pause ein, die man auf sieben, acht Kilometern gar nicht bräuchte, aber es kann meinen Füßen nicht schaden, hier mal zu verschnaufen.

Pilgerpause

Wir sitzen draußen, aber leider zwischen einer Kette rauchenden alten Lady und einem Mann, der die fragwürdige Kombi Rührei und Bier zum Frühstück genießt… Der Kellner ist seltsam und unsere Getränke und (immerhin kostenlosen) Süßteile sind leider auch nicht der Hit, deshalb gefällt es mir hier nicht besonders. Kurz bevor wir zahlen, sehen wir Marianne vorbeirauschen.

Nicht weit entfernt findet sich ein schattiger Rastplatz, wo Marianne ihr Proviant auspackt und wir für wenige Minuten mit ihr verweilen. Danach wird die Strecke angenehmer, weil noch grüner und ohne Straßenlärm. Zu meinem Bedauern geht es aber auch viel bergauf, jedenfalls zu viel für kaputte Füße. An einer Stelle sogar mit 15% Steigung, wo ich gerne die Alternativroute mit 5% Steigung wähle, auch wenn die dreieinhalb mal so lang ist! Philipp nimmt die steilere Variante und wir treffen uns oben.

Waldwege

Heute stören mich (fast) keine Radfahrer aber es sind ungewöhnlich viele Pilger um uns rum unterwegs, ich weiß gar nicht wo die alle plötzlich herkommen, keine davon haben wir schon mal gesehen. Aber genau genommen sehen wir nie jemanden vom Vortag noch mal, außer Marianne, weil sie exakt unseren Reiseverlauf hat, „alle“ anderen machen ja die doppelten oder dreifachen Kilometer am Tag…

Ria de Vigo

Auch heute fangen meine Füße nach fünf oder sechs Kilometern von jetzt auf gleich wieder gewaltig an, weh zu tun, aber ich kann es ignorieren, weil ja bereits Land in Sicht ist bei unserer heutigen kurzen Etappe. Trotzdem verbringe ich gedanklich den größten Teil der Wanderung damit, über meine Füße und jeden einzelnen Schritt nachzudenken…

Ria de Vigo

Ich frage mich, womit sich mein Gehirn befassen würde, wären diese Schmerzen weniger präsent bzw. gar nicht existent! Darüber denke ich seit Tagen nach, lande aber immer wieder bei den Füßen, weil DIE jetzt gerade mein absolutes Thema sind! (Und übrigens leider auch noch nach der Reise lange sein werden…)

Ria de Vigo

Es wird aber noch besser! Denn seit gestern Abend „genieße“ ich zusätzlich einen stechenden Schmerz im rechten Bein und zwar rechts außen von kurz unterhalb bis kurz oberhalb des Knies. Ich führe das auf die Fehlbelastung durch die schmerzenden Füße zurück, kann aber ganz schlecht damit umgehen, denn derartige Schmerzen sind mir nicht geläufig und ich weiß nicht wie lange ich die ignorieren und noch weitermachen darf! Das Besondere: Sie treten überwiegend bei Ruhe auf, wohingegen die Füße überwiegend bei Belastung wehtun!

Richtung Arcade

Darüber mache ich mir also extrem viele Gedanken und kann gar nicht richtig die schöne Wald- und Wasser-Landschaft um mich herum auf mich wirken lassen, naja und außerdem sind wir dann schon ruckzuck in Arcade!

Arcade – Zwischen Zweifel und Zufriedenheit

Arcade

Das Örtchen scheint überwiegend aus einer Schnellstraße, und wenigen Sträßchen davon abgehend, zu bestehen. Gleich zu Beginn trinken wir Cappuccino in einem Café, wo wir uns Stempel holen, auch heute Morgen im vegetarischen Café hatten wir schon welche ergattert, also haben wir für heute unser Soll erfüllt.

Arcade

Jedoch bin ich mehr und mehr der Ansicht, dass ich es nicht schaffen werde bzw. will, lückenlos nach Santiago zu wandern, um nämlich keine größeren, bleibenden Schäden zu riskieren. Abgesehen davon habe ich gar nicht mehr so richtig viel mit Kirche am Hut, als dass mir dieses Stück Papier die Welt bedeuten würde!

Klar, in anderen Momenten hätte ich dann doch gern eine Compostela – aber warum gibt es eigentlich nicht auch Urkunden für Pilger, die körperlich eingeschränkt sind und/oder aus welchen Gründen auch immer, nicht „Hardcore“ und ausnahmslos pilgern können und/oder wollen? Ist das nicht ein bisschen ungerecht von der lieben Kirche? Es könnte doch auch Leute geben, die sozusagen lückenlos pilgern aber an jedem oder jedem zweiten Ort, lieber zwei Nächte bleiben und somit gar nicht täglich zwei Stempel sammeln könnten auf der Strecke…

Arcade

Warum MUSS man sich im Zweifel selbst schädigen wenn man ein „Zeugnis“ erhalten möchte? Das grenzt doch an Masochismus oder aber stachelt zum Lügen und Schummeln an? Beides liegt mir fern! Aber ich finde diese Kontroll- und Zwanggeschichte etwas überholt.

Außerdem MUSS man „religiös“ oder „spirituell“ angeben bei der Online Registrierung für die Compostela, die vorab erforderlich ist. Da lügt doch mindestens die Hälfte der Pilger! Ich unterstelle, die wenigsten Pilger machen ihre Pilgerreise aus religiösen Gründen. Nagut, diese können dann spirituell ankreuzen, kein Mensch ist nicht spirituell, nicht mal wenn er nicht will. Trotzdem, ich finde das alles etwas gekünstelt und nicht mehr zeitgemäß.

[ACHTUNG: Im Pilgerbüro in Santiago nächste Woche werden wir lernen, dass man KEINEN Grund mehr angeben muss, weder religiös noch spirituell! Das weiß ich aber jetzt noch nicht weil selbst in den aktuellsten und neuesten Online-Anleitungen für die Compostela noch von der Angabe des Grundes die Rede ist!]

Arcade

Ich werde es sehen. Mir bleibt ja außerdem mein Stempelheft und wie Marianne beim nun folgenden gemeinsamen Mittagessen sagt: „Ich hab die Reise ja in meinem Herzen!“. Sie will nämlich sowieso keine Compostela!

Wir trafen sie mitten in Arcade, wo sie kurz nach uns eingetroffen war, und gehen nun gemeinsam zum Hotel. Für den Check in ist es zu früh aber das angeschlossene Restaurant hat draußen tolle, nette, schattige Sitzplätze mit Blick aufs Wasser, und ich freue mich tierisch über die angebotene Platte „gegrilltes Gemüse“! Ein vegetarisches Hauptgericht! Ist es dann zu fassen?

Arcade

Wir sitzen mindestens anderthalb Stunden beisammen und unterhalten uns gut und essen hervorragend. Zu unserem vollkommenen Glück fehlt nun noch ein sauberes Zimmer, welches wir dann auch bekommen sollen! Sogar mit Balkon und, ebenso wie das Restaurant, mit Blick auf die Ria de Vigo. Es ist so einfach, einen Pilger zufrieden zustellen!

Arcade

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