Coruxo nach Vigo

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Vigo

Donnerstag, 27. März 2025

„Das Wandern ist des Müllers Lust“ (Franz Schubert)

Wanderetappe Coruxo-Vigo ca. 9 km

Gehzeit ca. 02h10, Pausenzeit ca. 01h20

Hektik am Morgen

Wir sind früh genug aufgestanden aber am Frühstückstisch treffen wir Marianne, die uns sagt, dass ihr Transfer kurzfristig eine halbe Stunde vorverlegt wurde. Es ist bereits nach halb acht und sie wird um acht abgeholt. Wir sind irritiert, warum wir dann keine Info bekommen haben, immerhin hatten wir bisher einen identischen Reiseverlauf, abgesehen von einer einzigen Nacht, die sie nicht in derselben Unterkunft verbracht hat wie wir.

Über „frisch gepresstem“ (als ob!) Orangensaft und einer Tasse ungenießbarem Kaffee rätseln wir, ob wir nicht auch lieber schon um acht Uhr parat stehen sollten, andererseits: Wieso? Uns hat schließlich keiner Bescheid gesagt!

Um es aufzulösen, wir beeilen uns, packen das Frühstück für Philipp zum Mitnehmen, ich verzichte gänzlich auf Orange, Croissant und Wurstbaguette (welch Opfer!), und wir machen uns startklar. Am Ende wird Marianne um kurz nach acht abgeholt und wir um zehn vor neun. Von derselben Taxifahrerin! Warum, das werden wir nie erfahren, aber wir hätten genauso gut zu dritt im Auto sitzen können, zumal wir denselben Startpunkt gehabt haben für die nächste Wanderetappe Coruxo-Vigo…

We go to Vigo

We go to Vigo

Zum Glück ist es heute etwas bedeckt und als die Taxifahrerin uns in Coruxo absetzt, ist keine 50m weiter ein Café, wo ich nochmal eben austreten kann und dafür nehmen wir jeder an der Theke schnell einen Espresso ein, unser teuerster bisher mit je 1,50 Euro. Dafür war das WC sauberer als unser Badezimmer im letzten Hotel.

Ein paar Häuser weiter frage ich in einer Apotheke nochmal (erfolglos) nach Zinkleimverband und neu: Dexpanthenolspray gegen Sonnenbrand brauche ich nun auch. Noch habe ich Brand- und Wundsalbe aber ich hätte gerne was ohne Anfassen…

Coruxo ist wirklich nicht schön, aber immerhin finde ich noch eine Bäckerei, die Spinattaschen anbietet und weil ich noch kein Frühstück hatte und froh bin, etwas Vegetarisches zu sehen, kaufe ich gleich zwei. Im Café nebenan hole ich uns Stempel.

Wir laufen durch das Industriegebiet von Coruxo und schon beim ersten Bissen der ersten Spinattasche bereue ich, eine zweite gekauft zu haben, sie sind irgendwie geschmacklos, nicht wie bei uns vom Türken lecker gewürzt.

Vorbei an Werkstätten und Co. geht es irgendwann an einen kleinen Fluss, dort wird es wenigstens ein bisschen grüner und es grüßen einen auch wieder Menschen, man bekommt zwar nur äußerst selten noch ein „Buen Camino“ zu hören aber wenigstens ein „Hola“ oder „Buenos dias“ ist drin, manchmal sogar inklusive Lächeln.

We go to Vigo

Und so ignorieren wir, so gut es geht, den Lärm vom Verkehr und von Baustellenfahrzeugen, und versuchen uns über Froschgequake und Entenfamilien zu freuen. Aber man sieht auch hier nichts wirklich Schönes, außer ein bisschen Gras und Bäume. Überall sind große Hochhausbauten, allesamt hässlich wie die Nacht. Zeit für neue Melodien, „Pippi Langstrumpf“ plagt mich seit fast einem Jahr (!) heute ist „Das Wandern ist des Müllers Lust“ dran aber ich kenne den Text so gut wie gar nicht…

We go to Vigo

Und dann sind wir auch schon im Industriegebiet von Vigo, heute laufen wir also ausschließlich innerorts. Dass eine so große Hafenstadt eine entsprechende Umgebung hat, hätte uns klar sein können, aber es ist dennoch ernüchternd. Und es dauert lange, bis wir ansatzweise zentrumsnah in einen Stadtpark kommen, es ist das Stadtwäldchen „Area biosaudabel de Castrelos“, wo es Spielplätze und Outdoor Fitnessgeräte gibt aber nur wenige Menschen. Lediglich ein paar wenige Leute mit Hund oder Kinderwagen, ein Jogger und einen Mann, der Tai Chi praktiziert, sehen wir.

We go to Vigo

Weiter geht es wieder am Rio Lagares entlang bis wir irgendwann einen Linksdrall kriegen, damit wir mal langsam grob Richtung Hotel kommen, denn wir wissen, dass dieses heute mal wieder fernab des Jakobsweges liegt. Bisher war es herrlich bedeckt. Zwar haben wir heute lange Ärmel an aber Sonne brauchen wir deshalb noch lange nicht. Doch nun kommt sie langsam raus und erschwert uns den langen Bergauf-Weg zur Gran Via, der großen Hauptstraße durch Vigo. Jede große spanische Stadt hat eine solche Gran Via, allen voran Madrid!

We go to Vigo

Auf der Gran Via sind es nun noch 2,2km geradeaus, doch die unterbrechen wir beim goldenen M, weil es dort guten (Eis-) Kaffee gibt. Ärgerlich ist, dass es die Produkte auch für den Verzehr vor Ort nur im Müllbecher gibt, obwohl die Bilder auf den Bestell-Bildschirmen eine schöne durchsichtige Glastasse versprechen… Ein bisschen abkühlen können wir hier trotzdem und wir sind die einzigen Kunden, das ist auch sehr angenehm.

Als wir endlich das Hotel erreichen, sehen wir vor uns Marianne die Treppe zum Eingang hoch huschen, wir kommen gleichzeitig hier an, sprechen aber nicht über das Etappenpanorama sondern nur über die seltsame Sache mit dem Taxi heut Morgen.

3 Sterne, 3 Gänge und eine Runde Apotheken-Hopping

Es ist erst früher Mittag aber wir können schon einchecken. Heute haben wir mal wieder 3 Sterne, meist ist es ja einer weniger. Entsprechend hoch sind die Erwartungen, wobei man insgesamt seine Ansprüche schon arg runtergeschraubt hat. Immer wenn Philipp das erste Mal die Tür zu einem neuen Zimmer öffnet, liegt eine gewisse (An-) Spannung in der Luft, die sich dieses Mal sofort in pure Dankbarkeit verwandelt, denn der Raum ist groß, hell, freundlich und sieht gut genug aus! Es steht kein unsinniger Krempel rum, sodass man die Möbel auch nutzen kann ohne vorher noch alles umstellen zu müssen. I like.

Endlich ein schönes Hotel!

Nach sehr ausgiebiger Körperhygiene und Langarmshirt-„Waschgang“ in der Dusche, nutzen wir das einmalige Angebot des Hotelrestaurants mit einem 3-Gänge-Menü inkl. Wasser für 17 Euro pro Person. Als Vorspeise habe ich eine köstliche Linsensuppe, die eigentlich schon total sättigt. Als Hauptgang unglaubliche Vier-Käse-Rigatoni, einfach perfekt! Und als Dessert Panna Cotta mit Beerensauce, auch hervorragend. Samt Cola und Kaffee landen wir bei 40 Euro für zwei Personen, das soll uns mal einer nachmachen!

Außerdem sitzen wir hier sehr gemütlich und kommen ziemlich schnell intensiv ins Gespräch über Alkohol. Gerade jetzt wo Philipp gar keinen trinkt und ich sowieso nur sehr gelegentlich, fällt uns (seit Beginn der Reise) extrem auf, dass wir mittags, nachmittags und abends eigentlich immer die einzigen sind, ohne Bier- oder Weinglas auf dem Tisch.

Schenkt man den offiziellen Definitionen von Alkoholsucht Glauben, die besagen, dass wer keine vier Wochen völlig mühelos und vollständig auf Alkohol verzichten kann, genau das öfter mal üben sollte, dann betrifft das hier wohl fast jeden Portugiesen und jeden Spanier, ich befürchte aber natürlich, auch sehr viele Deutsche. Nicht die Menge an Alkohol ist ausschlaggebend, sondern die Regelmäßigkeit.

Das ist uns natürlich alles nicht neu aber es springt uns in diesem Urlaub regelrecht an. Vielleicht -auch- weil wir (vor allem Philipp) hier abstinent sind und generell auf unseren Körper achten und hören müssen, weil er auch bitte einiges leisten soll!

Wir sinnieren also weiter über das Thema und kommen überein, dass wir eine saftige Alkoholsteuer gut fänden, wie in Skandinavien zum Beispiel, wissen aber auch, dass das nie passieren wird. Weder Hersteller noch Politik hätten daran ein Interesse. Ich habe erst kürzlich ein Buch einer ehemaligen Süchtigen gelesen, die aufgezeigt hat, welche Zusammenhänge da bestehen und, dass so etwas völlig ausgeschlossen ist. Zu schade, bei Zigaretten hat es doch schließlich auch ein bisschen einen Wandel gegeben…

Wie dem auch sei. Im Grunde könnten wir jetzt nach diesem guten Essen auf der Stelle einschlafen und wir hätten es uns auch verdient. Klar, die Wanderung war heute verhältnismäßig kurz, aber wir leisten hier ja schon seit fast zwei Wochen mehr als wir es gewöhnt sind.

Aber wir sind hier heute in einer großen spanischen Stadt und ich fände es unverzeihlich, diese nicht wenigstens ein kleines bisschen anzugucken, deshalb machen wir noch einen Törn durch die wunderschöne Altstadt, natürlich mit Jacken und Sonnenhut, obwohl zumindest ich sowieso mehr drinnen als draußen bin, und zwar in jeder einzelnen Farmacia, die auf dem Weg liegt. Doch ich habe einfach nirgends Erfolg. Ich versuche es in sechs bis acht Apotheken aber überall entschuldigt man sich, mit den gewünschten Produkten nicht dienen zu können.

Vigo

Unser Apotheken-Hopping beträgt insgesamt zwischen zwei und drei Kilometer und weil Vigo bergiger ist als Lissabon und San Francisco zusammen, komme ich doch ganz schön ins Schwitzen und meine Füße tun mir mehr weh als auf der gesamten Wanderung heute Vormittag. So war der Stadtbummel eigentlich nicht gedacht. Irgendwie hätten wir uns das sparen können und kehren einigermaßen unzufrieden zurück ins Hotel.

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