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Mittwoch, 2. April 2025
„Walk on“ (U2)
Wanderetappe Caldas de Reis nach Padron ca. 20 km
Gehzeit ca. 05h15, Pausenzeit ca. 1h
Müde, müde, müde
Die erste Schritte nach dem Aufstehen sind schmerzhaft, wie jeden Morgen. Jeden Tag denke ich: Oha, heute kannste nicht wandern! Aber dann kommt man doch in seinen Trott, schluckt seine Vitamine, zieht sich an, bestückt den Rucksack, packt die Reisetasche für den Gepäcktransport fertig und wartet auf den Beginn des Frühstücks.
Allerdings herrschen heute erschwerte Bedingungen für mich: Gesicht und Oberarme pellen sich gewaltig nach dem Sonnenbrand und ich verliere Hautfetzen beinahe wo ich gehe und stehe. Die Unterarme werfen hässliche Bläschen, auch aufgrund des UV-Fails. Und seit halb sechs wurde ich von rechts angeschnarcht. Ich bin also groggy, da kann das „tolle“ Frühstück auch nichts retten. Ich esse zwei Scheiben Baguette mit Olivenöl und Salz, und hoffe wieder mal auf Gastronomie auf dem Weg…
Walking on sunshine von Caldas de Reis nach Padron
Nur wenige Meter nach unserem Start, pausiere ich die Streckenaufzeichnung auch schon, denn ein kleiner Souvernirshop lockt uns an. Wir kaufen ein paar Kleinigkeiten und dann geht´s los. Wir durchqueren Caldas de Reis, was nicht groß aber doch ungeahnt hübsch ist. Das ist ja das Schöne am Pilgern: Man lernt Örtchen kennen, die man sonst nie sehen würde, obwohl sie eigentlich doch auch durchaus sehenswert sind. Irgendwie.
Kaum raus aus Caldas, sind die ersten beiden Pferde zu sehen. Die Strecke wird sehr grün und es sind wieder mal Unmengen Pilger unterwegs! Im Vergleich zur Hochsaison ist das bestimmt noch gar nichts, aber für unsere Auffassung und Gewohnheit, ist es ganz schön trubelig. Wahrscheinlich weil Caldas eine gute „Pilger-Infrastruktur“ hat und dort viele übernachtet haben. Da machen sie morgens alle „gleichzeitig“ wieder auf den Pfad.
Es dauert auch nicht lange, da treffen wir auf Marianne. Ein unbeabsichtigter Reim. Wir hatten sie schon beim Frühstück kurz gesehen aber da war dann jeder für sich geblieben, sie saß näher am Buffet in der Menschentraube, und wir etwas ruhiger am Fenster mit Blick auf das Flüsschen Umia, das direkt am Hotel vorbeifließt.
Wir gehen ein bisschen zusammen mit Marianne, aber nach insgesamt sechs Kilometern seit Caldas, möchte ich wirklich gerne das Pilger Café, das sich auftut, als Gelegenheit für den ersten Kaffee des Tages nutzen. Marianne zieht weiter, Philipp und ich setzen uns in den schönen Garten in die Sonne. Noch ist es nicht überlaufen hier. Erfreulicherweise bekomme ich hier sogar ein leckeres (!) Toastbrot mit ganz frischem Salat, Zwiebel, Tomate und Käse als Belag. Wirklich der mit Abstand beste Toast der Reise! Endlich ein Frühstück!
Ich kann mich kaum loseisen, sehe aber ein, dass es irgendwann Zeit wird. Ich schmiere meine Arme mit Sonnencreme ein und versuche ab jetzt ohne Jacke zu laufen. Mag etwas gewagt sein als „Bratpilger“ aber es ist einfach so unfassbar warm und ich denke mir, das Ereignis liegt jetzt schon einige Tage zurück. Ich muss irgendwann mal wieder Luft an die Arme lassen.
Zwei Kilometer nach unserem Kaffeestopp, sehen wir Marianne an einem Pilgerrestaurant, wo sie ein zweites Frühstück oder ein sehr frühes Mittagessen einnimmt, haben aber gerade keinen Grund, sie beim Essen zu stören.
Es dauert dann auch nicht lange, da ziehe ich mir die Jacke doch lieber wieder über, wenigstens die Ärmel, indem ich die Jacke vorne zwischen Oberkörper und Rucksackverschlüsse klemme, so kann ich beliebig in die Ärmel rein und raus schlüpfen, denn Sonne und Schatten wechseln sich heute stark ab und in der Sonne ist es vermutlich doch zu heftig für meine geschundene Haut.
Irgendwo mitten im Wald treffen wir auf die Guardia Civil. Im ersten Moment wundert man sich schon ein bisschen, was die bewaffneten Beamten dort wollen mit ihrem großen Kastenwagen. Normalerweise sind ihre Aufgaben Sicherheitsdienste, Grenzkontrollen und Verkehrsüberwachungen in ländlichen Gebieten. Gelegentlich auch der Kampf gegen Drogenhandel und Kriminalität, oft in Zusammenarbeit mit der lokalen Polizei. Was machen die hier also?
Es stellt sich schnell heraus, dass die netten Männer der Pilgerschar gegenüber sehr offen, gesprächig und freundlich sind. Sie weisen auch darauf hin, dass man sie kontaktieren kann, wenn man mal etwas seltsames beobachtet. Und so weiter. Der Clou ist aber, dass sie in ihrem riesigen Gefährt, quasi einem Verhörraum auf Rädern, Pilgerstempel vergeben! Da haben wir jetzt aber ein besonderes Exemplar ergattert.
Es ist heute sehr, sehr waldig, aber es gibt auch Passagen durch Dörfer und zwischen Wiesen mit Schafen, Ziegen, Pferden und Kühen. Und es läuft sich erstaunlich gut, obwohl es heute eine, für uns, längere Etappe ist. Ein paar Mal begegnet uns ein Schweizer Pärchen, wir machen sogar eine kleine, schattige Pause mit Miriam und Marcel. Am nächsten Restaurant „verlieren“ wir sie wieder.
Es geht nun auch deutlich auf Padron zu. Das heißt, die Strecke wird unattraktiver und die Füße werden schwerer. Das Städtchen Padron ist nicht nur schön. Ein paar Großkonzerne blasen ordentlich Dreck in die Luft, es herrscht großer Autoverkehr und die letzte Passage, am Fluss Sar entlang, hat auch so gar nichts Schönes.
Doch genau an diesem Flüsschen haben wir dann unser Hotel und hier ist die Umgebung dann urplötzlich doch ganz nett. Nicht, dass wir uns das groß ansehen würden, denn wir stellen uns direkt erschöpft in die Schlange an der Rezeption. Es ist Punkt 15 Uhr und alle haben denselben Wunsch.
Padron – Luxus, Mief und große Fragen
Wie erwartet und erhofft, haben wir endlich (!) mal wieder ein richtig, richtig schönes Zimmer! Sehr modern und gepflegt und erstmalig eine grandiose Konstruktion, ähnlich einem offenen Kleiderschrank, wo man vernünftig seinen ganzen Krempel abstellen und hinhängen kann, das ist wirklich Premiere auf dem Camino für uns!
Einziger (und nicht unerheblicher) Minuspunkt: Es stinkt massiv aus dem Badezimmer, nass, modderig, und da kann man auch so viel lüften wie man will, es kommt immer sofort nach, teils auch mit geschlossener Badezimmerschiebetür. Aber das ist dann jetzt halt so.
Ausgezergelt schmeißen wir uns sofort in die Horizontale und liegen ein Weilchen regungslos auf den guten Laken, bis die Erste sich aufraffen kann, zu duschen. Was bin ich froh, dass auch Phil selbst sagt, 15km ist seine Wohlfühlgrenze, darüber hinaus wird es (zu) anstrengend. Das hilft mir enorm, denn dann bin ich nicht die einzige, die 20km herausfordernd findet. Warum ein „normaler“ Pilger 30-40km am Tag macht, ist mir absolut schleierhaft. Vielleicht haben die alle ein Zeitproblem oder neigen zur Selbstkasteiung. Und dann kommt unter Umständen auch noch eine Art Gruppendruck und Leistungsgedanke hinzu?!
Und dann wäre da noch dieser Gedanke ganz grundsätzlich! Der mit dem „normalen“ Pilger. Was ist denn „der normale Pilger“? Warum definiere ich einen Pilger eigentlich über seine Tageskilometer (je mehr desto besser) und seine Unterbringungsform (Mehrbettzimmer in Herbergen + Gepäck selbst schleppen)?
Eigentlich müsste ich es nach sechzehn Pilgertagen besser wissen: Wir sind bei weitem nicht die einzigen, die in „richtigen“ Hotels (2-3 Sterne) „absteigen“ und sich den Koffer bringen lassen. Das ist hier ein riesiger Markt auf dem Camino! Das würde mich wirklich mal interessieren. Wie hoch ist der Anteil der „Luxuspilger“ und wie viele pilgern wirklich ganz „old school“? Das wäre mal sehr, sehr spannend! Unser Eindruck ist, dass es sich nicht um mehr als 10-20% „echter“ Pilger handeln kann.
Man sieht ja auf dem Camino sehr deutlich, wer sein Geraffel komplett selbst schultert! Und wer nur einen Tagesrucksack dabei hat und folglich alles anderes transportieren lässt. Die (ich nenne sie einfach weiterhin) „echten“ Pilger, die selbst schleppen, sind extrem und ganz deutlich in der Unterzahl! Das hätte ich nicht gedacht. Vielleicht verschiebt sich das Verhältnis in der Hochsaison, aber zum Zeitpunkt unserer Reise, sind die allerwenigsten mit einem Riesen-Rucksack plus Schlafsack unterwegs!
Wie dem auch sei, nach der ausgiebigen Dusche, sowie Fußpflege, wird noch etwas geruht und dann sind wir froh und dankbar, dass in nur 100m Entfernung ein Mexikaner mitten am Nachmittag geöffnet hat, dort kehren wir ein! Inzwischen regnet es junge Hunde.
Endlich gibt es einmal mehrere (!) vegetarische Gerichte zur Auswahl! Wir haben heute Lust auf Paella! Ich Gemüse- und Phil Sea Food-Paella! Wenn ich mich recht entsinne, ist meine letzten Paella eine Weile her: Toledo 2015, schätze ich!
Das Essen ist gut aber wir hätten noch mehr vertragen können. Egal, so ist das halt, wir haben auf jeden Fall große Hoffnung für das Frühstück morgen in diesem schönen Hotel!
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